Analog-digitale Leerstelle: Deutschland ohne Zukunftsimagination
Seit vielen Jahren wiederhole ich eine Kernanalyse meiner Arbeit immer und immer wieder: Deutschland wurde 1990 staatlich geeint, aber nicht wirklich gemeinsam neu begründet. Die Wiedervereinigung war ein historisches Glück, ohne jeden Zweifel, und das für ganz Deutschland. Sie war ein Sieg der Friedlichen Revolution, ein Sieg über die SED-Diktatur und eine Rückkehr in Freiheit, Rechtsstaat und offene Gesellschaft. Aber sie blieb politisch und symbolisch asymmetrisch, und das war und ist ein Problem existenziellen Ausmaßes. Der Westen blieb die Norm, der Osten wurde zum Anpassungsraum – oder etwas polemisch gesagt: Die Wessis gratulierten zu Grundgesetz und DM – und machten weiter wie zuvor. Eine gemeinsame republikanische Selbstdeutung, eine neue Erzählung entstand nicht. Okay, es entstand irgendetwas, sehr organisch, nur das ist heute eben nicht überzeugend.
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