ARD-Doku “WM 1994 – Elf Helden, ein Alptraum”: Berti Vogts und eine späte Form der Fairness

Die ARD-Dokumentation „WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum“ hat mich tief berührt. Erwartet hatte ich eine gut gemachte Fußballrückschau über ein gescheitertes Turnier, den Effenberg-Finger, Lagerkoller und Eskapaden (Golf! Selbstmarketing! Ehefrauen!) in den USA, alte DFB-Geschichten und ein wenig Neunzigerjahre-Folklore – für mich medienanalytisch also interessant, sportsoziologisch ebenfalls. Bekommen habe ich auch das – aber eben nicht nur. Es war mehr. So viel mehr. Und das ist auch sehr, sehr gut so.

Besonders stark ist die Doku dort, wo sie Berti Vogts eben nicht als Witzfigur behandelt, so wie früher durchaus üblich, sondern realistisch und klar als Mann, der persönlich unter massivem öffentlichem Druck stand, medial oft äußerst unfair verkleinert wurde – interessant: die Entschuldigungsversuche einiger Beteiligter in der Doku – und am Ende dennoch aufrecht bleibt. Man muss Vogts nicht idealisieren und schon gar nicht nachträglich heiligsprechen, man muss ihn noch nicht einmal mögen. Er war Bundestrainer, keine macht- und namenlose Privatperson. Kritik an ihm war erlaubt, teilweise sicher auch sehr berechtigt, und er gab selbst Fehler zu. Aber zwischen (berechtigter) Kritik und Lächerlichmachen liegt ein entscheidender Unterschied.

Die 1990er waren noch voll von einem „Humor“, der nicht immer, aber zu oft nach unten trat und sich anschließend als Robustheit, Lockerheit oder „so war das damals eben“ tarnte. Gerade dieses „damals eben“ ist für mich keine Entlastung, sondern Teil des Problems. Schon damals war erkennbar, wann jemand nicht mit jemandem lachte, sondern über jemanden. Dafür musste man kein Analyst oder Sozialwissenschaftler sein, um das zu sehen. Das konnte man klar und deutlich erkennen, wenn man nur wollte – ein Blick auf den Sachverhalt und etwas Empathie reichten. Ich fand diese Art von „Humor“ – sorry für die Ausdrucksweise! – immer zum Kotzen. Die BILD-Zeitung wird übrigens in dieser Hinsicht nicht geschont, was der Doku ebenfalls hoch anzurechnen ist. Stichworte hier: Matthäus und Beckenbauer.

In diesem Licht wirkt Vogts am Ende der Doku, die überraschenderweise auch nicht mit der Niederlage 1994, sondern mit dem Sieg 1996 endet, bemerkenswert: fair, nicht verbittert, ungebeugt. Eine echte Fußballlegende, nicht im glamourösen, sondern im verdienstvollen Sinn. Einer, der aufrecht stehen blieb, als andere ihn längst zur Pointe gemacht hatten. Einer, der im Übrigen unterm Strich als Turniersieger genauso erfolgreich war wie der, der ihn tatsächlich, so die Doku, vor der versammelten Presse eine „Pfeife“ nannte: Franz Beckenbauer. Nebenbei: Auch der „Kaiser“ brauchte drei Turniere bis zu einem Endspielsieg. Beckenbauer, der uneingeschränkte Held, und Vogts, die ewige Pfeife? Das kann man so sehen, wenn man wirklich keinerlei Lust auf Realität hat(te).

Dass Stefan Raabs damaliger Humor („Böörti Böörti Vogts“) bei mir nie gezündet hat, wurde durch diese Rückschau nur nochmal klarer. Neben dem Umgang mit Vogts bleibt der Fall Lisa Loch für mich ein besonders unangenehmes Beispiel dafür, wie Unterhaltung Menschen zur verwertbaren Pointe machen konnte. Die juristische Einordnung ist gut dokumentiert; die Zusammenfassung bei Wikipedia bringt den Skandal präzise auf den Punkt:

„Das Gericht urteilte, Raab habe durch die öffentliche Verunglimpfung der Schülerin ihr Persönlichkeitsrecht schwer verletzt. Satire könne einen beachtlichen Freiraum beanspruchen, dürfe eine Person aber nicht im Kernbereich privater Lebensgestaltung verletzen, hieß es. Dabei sei vor allem zu berücksichtigen gewesen, dass die Klägerin bei der Ausstrahlung der Sendungen noch minderjährig gewesen sei. Eine Revision durch den Bundesgerichtshof wurde nicht zugelassen. Raab selbst hat sich laut einem Medienbericht von 2015 bei Lisa Loch nicht entschuldigt.“

Die Doku leistet insgesamt wesentlich mehr als nur Nostalgiepräsentation und wohlige Erinnerung an die eigene Jugend in den (im Vergleich zu heute außerordentlich ambivalent erscheinenden) 90ern. Sie zeigt Fußballgeschichte, Mediengeschichte und ein Stück Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik. Sie gibt Berti Vogts ein wenig von jener Fairness zurück, die ihm damals oft verweigert wurde. Und sie zeigt, wie eklig sich manch „Idol“ doch verhalten konnte. Außerordentlich sehenswert.