Bundespolizei Hannover: Wohl mehr als nur ein lockerer Umgang mit Waffen und Gesetzen

Für einen Sicherheitsforscher, der in Sachen Polizeizusammenarbeit bisher nur gute Erfahrungen gemacht hat, sind Vorfälle wie dieser natürlich besonders interessant. Denn es geht zwar auf den ersten Blick um einen – sehr, sehr diplomatisch ausgedrückt! – lockeren polizeiinternen Umgang mit Waffen und Gesetzen (etwas weniger diplomatisch: um einen handfesten Skandal), doch dahinter steckt viel mehr – und das ist aus Forschungssicht noch viel spannender. Schließlich landet man am Ende bei sehr grundsätzlichen Fragen: wie sieht es bei der Polizei aus mit dem Korpsgeist? Sind die unguten Zeiten des Zusammenhalts um jeden Preis in einer modernen Gesellschaft, im 21. Jahrhundert insgesamt denn überhaupt noch denkbar? Sind die nun aufgedeckten Verfehlungen tatsächlich nur Einzelfälle oder steckt auch hier (noch) mehr dahinter? Wenn man das Interview mit dem Kollegen Rafael Behr liest, kann man ins Grübeln kommen. Da präsentiert der Polizeiinsider Behr Sätze wie diese:

“Ein rauer Umgangston, aggressives Verhalten, übersteigerte Männlichkeit scheint auf dieser Dienststelle normal zu sein.”

“Nicht umsonst hat sich jetzt jemand anonym an die Medien gewandt. Justiz und Vorgesetzte waren offenbar schlechte Ansprechpartner.”

“Wenn junge Männer zusammenarbeiten und der Mythos ihrer Dienststelle Solidarität und ein “Code of Silence” ist – also die Vorstellung, nichts dürfe die Wache verlassen -, kann das zum Problem werden.”

“Ich glaube nicht, dass es auf jeder Wache in Deutschland so zugeht wie in Hannover. Aber es gibt sehr wohl Verhältnisse, in denen solche Praktiken gang und gäbe sind. Vielleicht nicht in der Extremform, dass Flüchtlinge menschenverachtend behandelt werden. Aber dass man mit der Dienstwaffe spielt, damit spielerisch Kollegen bedroht? Das war ja keine reale Bedrohungssituation, das war eine entgleiste Form von Humor, die sicher immer wieder passiert.”

Behr meint letztlich so oder so: es gibt Probleme und Dinge müssen sich ändern. Hier sieht er beispielsweise die Polizeigewerkschaften in der Pflicht:

“Das Problem ist, dass die Polizeigewerkschaften darüber nicht reden wollen. Sie bedauern den Vorfall, ja, aber sie individualisieren ihn gleichzeitig. Sie wollen den Ruf der Polizei schützen und setzen sich mit dem eigentlichen Problem nicht auseinander.”

Und hier bietet er auch gleich eine Lösung an, die beispielsweise auch der Bund deutscher Kriminalbeamter, unser Partner im Netzwerk Terrorismusforschung e.V. befürwortet:

“Eine unabhängige Kontrolle ist eine (…) Idee. Bei uns ist die Staatsanwaltschaft Herr des Verfahrens. Aber wir müssen akzeptieren, dass Polizeigewalt nicht nur das Strafrecht betrifft, sondern immer auch ein sozialer Konflikt ist. Dann könnten wir auch einen Ombudsmann einführen, an den sich etwa betroffene Polizisten wenden könnten.”

Bei der Bundeswehr gibt es so etwas schon lange. Da heißt die Instanz “Wehrbeauftragter”. Dieser ist für alle Soldaten da, unabhängig vom Dienstweg und von Vorgesetzten. Ein Polizeibeauftragter wäre auch aus meiner Sicht eine sinnvolle Sache – wenn er für die Polizei und die Bürgerinnen und Bürger da ist. Denn hier haben wir einen weiteren sozialen Konflikt: daß die Polizei im Zweifel gegen die Polizei ermittelt, mag in den allermeisten Fällen de facto funktionieren. Doch der Volksmund spricht nicht völlig falsch, wenn er mutmaßt, daß eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Dies mag wie gesagt faktisch gar nicht der Fall sein – doch eine vollständig “saubere” Ermittlung erscheint Otto Normalverbraucher sicher in aller Regel viel zu unrealistisch und wird damit allzu oft von der Bevölkerung schlicht und ergreifend nicht ernstgenommen. Hier ist das Prinzip das Problem. Ein Polizeibeauftragter, beispielsweise ein unabhängiger Jurist mit umfassenden Ermittlungsbefugnissen und einem kompetenten Mitarbeiterstab, könnte hier in der Tat sehr hilfreich sein. Er könnte beitragen zum Erhalt einer professionellen Kultur in der Polizei (sprich: zum Schutz der echten Polizistinnen und Polizisten und zum Entfernen der “falschen Fuffziger”) – und zum Vertrauenserhalt in die Polizei. Bund und Länder sollten nicht länger warten und entsprechende Stellen einrichten. Denn die Idee ist gut – auch ohne medial spektakuläre Einzelfälle.

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Jetzt online: das endgültige Programm für das 10. a-i3/BSI Symposium 2015

Allein das Thema Vorratsdatenspeicherung dürfte die Teilnahme wert sein, deshalb leite ich gern die Details des Symposiums weiter:

“Unter dem Oberthema »IT-Sicherheit zwischen Überwachung und freier Internet-Nutzung« werden auch in diesem Jahr wieder aktuelle Themen der IT-Sicherheit mit Vertretern aus Behörden, Wissenschaft und Praxis interdisziplinär diskutiert.

Das Symposium ist traditionell in Themenbereiche gegliedert, die sich auf die zwei Veranstaltungstage verteilen. Am Donnerstag, 16. April 2015, wird zunächst das Thema »Sicherheit durch IT-Überwachung« im Mittelpunkt stehen. Es werden rechtliche Möglichkeiten und technische Schwierigkeiten, aber auch der tatsächliche Nutzen der Vorratsdatenspeicherung beleuchtet. Gerade nach den – trotz in Frankreich bestehender Vorratsdatenspeicherung – erfolgreichen Anschlägen auf das Satiremagazin »Charlie Hebdo« sind Zweifel an ihrem Nutzen laut geworden.

Im zweiten Block werden Möglichkeiten von »IT-Sicherheit per Gesetz« aus technischer und rechtlicher Sicht dargelegt. Kernpunkte sind Aspekte des geplanten IT-Sicherheitsgesetzes, Herausforderungen der Regulierung von IT-Sicherheit sowie Zertifizierung und Pentesting zur Gewährleistung von Sicherheit. Abschließen wird der erste Tag mit einer Podiumsdiskussion zu den vorgestellten Inhalten und einem anschließenden Get-together im Foyer des Haus der IT-Sicherheit.

Der zweite Veranstaltungstag, Freitag, 17. April 2015, beginnt mit dem Themenbereich »Sichere Kommunikation in der vernetzten Welt«. Durch Angriffe auf E-Government und Industrie werden Schwachstellen in Systemen offenbart, die auch für Angriffe auf den Einzelnen genutzt werden können.

Das Symposium schließt mit dem Themenbereich »Offene WLAN – Chancen und Risiken«, in dem rechtliche Aspekte offener WLAN ebenso wie technische Lösungsmöglichkeiten besprochen werden. Hier schließt auch die nachfolgende Podiumsdiskussion an.

Die Veranstaltung richtet sich an Entscheidungsträger von Verwaltungsbehörden, Datenschutzbeauftragte in Organisationen und Unternehmen aus den Gebieten IT-Sicherheit, Softwareentwicklung und E-Commerce, sowie an Juristen in Justiz, Unternehmen und Verbänden und an spezialisierte Rechtsanwälte sowie Aufsichts- und Datenschutzbehörden.

Anmeldungen sind noch bis zum Tag der Veranstaltung möglich!”

Das Programm und die Informationen zur Anmeldung finden Sie auf der Symposiumswebsite.

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Neues Buch: Terrorismus A/D

Cyberterrorismus ist kein neues Phänomen: nicht erst seit der Hochphase des islamistischen Terrors rund um 9/11 dürfte allgemein bekannt sein, dass alle Beteiligten, sprich: Staaten ebenso wie Terroristen versuchen, das Internet massiv für ihre Zwecke zu nutzen, beispielsweise auf der Propaganda- oder der Rekrutierungsebene. Aufgrund dieser Entwicklungen ist auch der Begriff des Cyberkrieges nicht neu: “Cyber”-Phänomene dieser Art wurden in den letzten Jahren teilweise sehr intensiv ausgeleuchtet, Begrifflichkeiten geprägt und Szenarien realisiert. Was bislang jedoch fehlte, ist eine gleichberechtigte Analyse der Wechselwirkungen zwischen analoger und digitaler Lebensrealität, sprich: ein Ausleuchten der Pfade zwischen neuen Cyber-Phänomenen und „alter Welt“. Denn es erscheint zwingend notwendig, den Terminus der Wechselwirkung besonders zu betonen. Es geht dabei nicht um Einbahnstraßen, sondern um permanentes Pendeln zwischen den Polen: Wie prägt beispielsweise Digitalisierung ein kulturelles/rechtliches/soziales Bild von Terrorismus und wie prägt diese (erneuerte) Sichtweise wiederum die digitale (Anti-)Terror-Arbeit? Wie stark sind diese Wechselwirkungen in den unterschiedlichen Bereichen, welche Akteure dominieren bzw. werden dominiert, welche Faktoren spielen hier eine besondere Rolle und wann haben sich welche
Wechselwirkungen in welcher Form (nicht zuletzt in der „analogen“ Welt) manifestiert?

Diese Fragen werden von namhaften Expertinnen und Experten aus der deutschen Sicherheitsforschung beantwortet: im neuen Sammelband „Terrorismus A/D“. Mit Beiträgen von Bernd Zywietz, Tullio Richter-Hansen, Anke Steinborn, Jan-Henning Kromminga, Matthias Jakob Becker, Mathias Bug, Katrin Wagner, Jasmin Röllgen und Andreas Spreier.

Mehr Infos hier.

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Neue Artikel zum Thema “Kalifat des Terrors” im Sipo-Blog

Ich stelle gern vor:

“Liebe Kolleginnen und Kollegen,

aktuell läuft auf dem Sicherheitspolitik-Blog unter dem Titel “Kalifat des Terrors: Interdisziplinäre Perspektiven auf den Islamischen Staat” eine hochkarätig besetzte Artikelserie zu Fragen rund um den “Islamischen Staat”. Insgesamt 25 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis setzen sich mit aktuellen Dynamiken, Entstehungsbedingungen sowie Aspekten der Ideologie des “IS” auseinander und erklären, was gegen “den IS” unternommen werden kann bzw. wird. Einen Überblick über Autoren und Themen sowie die bereits erschienen Beiträge (u.a. Andreas Armborst, Mathieu Guidère) finden Sie hier: http://www.sicherheitspolitik-blog.de/fokus/blogforum-kalifat-des-terrors-interdisziplinaere-perspektiven-auf-den-islamischen-staat/.

Der heute erschienene, jüngste Beitrag der Serie stammt aus der Feder von Dr. Guido Steinberg (SWP), ist überschrieben mit “ISIS vs. Al-Qaeda: The Struggle for the Soul of the Jihadist Movement” und findet sich hier: http://www.sicherheitspolitik-blog.de/2015/02/05/isis-vs-al-qaeda-the-struggle-for-the-soul-of-the-jihadist-movement/.”

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Video: Land unter Kontrolle

Folgendes Video wurde mir empfohlen und die Empfehlung war nicht schlecht, jedoch sollte man ein paar Dinge dazu anmerken. Zuerst aber die grundlegenden Infos:

“Kulturzeit extra: Land unter Kontrolle

Die Geschichte der Überwachung der BRD: Die Bundesrepublik ist ein überwachtes Land, das beweist der NSA-Skandal. Und es war nie anders. “Kulturzeit extra: Land unter Kontrolle” blickt auf die bundesdeutsche Geschichte der Überwachung.”

Wer sich mit dem Themen (Digitale) Sicherheit, Überwachung und/oder Kontrolle beschäftigt, wird nicht viel Neues entdecken. Das Video ist eher ein guter Überblick als ein neues, krasses Enthüllungsstück. Teilweise wird ein wenig übertrieben bzw. polarisiert, aber es ist ja auch kein wissenschaftlicher Film, da ist das schon okay. Wer nochmal eine solide Zusammenfassung der wichtigen Ereignisse der letzten Jahre braucht, sollte sich die 45 Minuten gönnen.

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Charlie Hebdo und die Vorratsdatenspeicherung

Es war so überraschend wie Kälte im Winter:

“Auch für die Vorratsdatenspeicherung gibt es volle Unterstützung. “Alle Sicherheitsbehörden sagen uns seit Jahren, dass wir dieses Instrument im Kampf gegen den religiösen Terrorismus dringend brauchen”, sagt [Thomas Strobl, CDU]”

(Quelle: ZEIT ONLINE)

Und meine Antwort darauf ist ebenso erwartbar, weil unverändert: siehe hier.

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Angenehme Feiertage!

Ich wünsche Ihnen angenehme Feiertage sowie einen guten Rutsch in ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2015, vielmals dankend für das riesige Interesse an Internetsoziologie.de und meiner Arbeit! Sollte 2015 auch nur ansatzweise so werden wie 2014, dann wird es richtig gut! Doch jetzt ist erst einmal Zeit für etwas Ruhe. Deshalb dieser Hinweis:

Erreichbar bin ich telefonisch wieder ab dem

2. Januar 2015

und per E-Mail natürlich durchgehend (immer mal wieder ;-). Bitte bevorzugen Sie auch bei besonders dringlichen Angelegenheiten zunächst die E-Mail, ich rufe dann ggf. zurück. Die Hotline des Netzwerks Terrorismusforschung ist ebenfalls über die Feiertage nicht durchgehend besetzt, nutzen Sie auch hier bitte zuerst die Möglichkeit, uns eine E-Mail zukommen zu lassen. Ab dem 2.1. geht auch hier alles wieder seinen gewohnten Gang.

Vielen Dank!

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Einladung zur 2. Fachtagung des Netzwerks Terrorismusforschung e.V.

Endlich ist es soweit! Am 5. Februar 2015 wird sie nun stattfinden, unsere zweite Fachtagung. Nachdem der erste Versuch einer Erweiterung des NTF-Workshop-Modells in Form einer Fachtagung im Oktober 2013 mit über 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gleich ein voller Erfolg war, gehen wir nun einen Schritt weiter und richten die zweite Fachtagung mit einem starken Partner aus: der Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK) bot nicht nur tatkräftige Unterstützung an, sondern fand die Idee einer gemeinsamen Veranstaltung so gut, daß die Fachtagung nun de facto eine Erweiterung der Berliner Sicherheitsgespräche ist. Diese Veranstaltung zählt zu den wichtigsten Sicherheitskonferenzen im deutschsprachigen Raum und es macht uns außerordentlich stolz, hier erstmals in der Geschichte dieser Konferenz einen “zweiten Tag” gestalten zu können.

Dankenswerterweise kommt zusätzliche Unterstützung von einem weiteren starken Partner, der Konrad-Adenauer-Stiftung, so daß wir nun insgesamt ein außergewöhnliches Programm zusammenstellen konnten, welches die interdisziplinären Herausforderungen im Bereich der Terrorismusforschung und -bekämpfung umfassend anspricht und gleichzeitig viel Raum für Networking und Gespräche bietet. Wir sind davon überzeugt, daß die vielfältigen Herausforderungen in den Bereichen Terrorismus, Extremismus und politische Gewalt nur ganzheitlich und gemeinsam zu bewältigen sind, weshalb wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genauso herzlich einladen möchten wie Behördenbedienstete. Nutzen Sie diese einmalige Chance auf spannende, inspirierende und intensive Diskurse mit den wichtigsten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis!

Ausführliche Informationen zu Programm und Anmeldung finden Sie in unseren beiden Flyern:

Flyer 9. Berliner Sicherheitsgespräche am 4. Februar 2015: Download (PDF)
Flyer 2. Fachtagung NTF & BdK am 5. Februar 2015: Download (PDF)
Anmeldeformular zur Fachtagung: Download (DOC)

Bitte ausschließlich über das o.a. Formular der Adenauer-Stiftung anmelden – nicht über den BdK oder das NTF. Diesbezüglich bitte auch keine Mails an mich. Vielen Dank!

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