Seit vielen Jahren wiederhole ich eine Kernanalyse meiner Arbeit immer und immer wieder: Deutschland wurde 1990 staatlich geeint, aber nicht wirklich gemeinsam neu begründet. Die Wiedervereinigung war ein historisches Glück, ohne jeden Zweifel, und das für ganz Deutschland. Sie war ein Sieg der Friedlichen Revolution, ein Sieg über die SED-Diktatur und eine Rückkehr in Freiheit, Rechtsstaat und offene Gesellschaft. Aber sie blieb politisch und symbolisch asymmetrisch, und das war und ist ein Problem existenziellen Ausmaßes. Der Westen blieb die Norm, der Osten wurde zum Anpassungsraum – oder etwas polemisch gesagt: Die Wessis gratulierten zu Grundgesetz und DM – und machten weiter wie zuvor. Eine gemeinsame republikanische Selbstdeutung, eine neue Erzählung entstand nicht. Okay, es entstand irgendetwas, sehr organisch, nur das ist heute eben nicht überzeugend.
Dieser Weg, diese Entwicklung war vielleicht historisch verständlich. 1990 ging es um Tempo, Stabilität, Währung, Sicherheit und internationale Einbettung. Niemand wollte ein großes verfassungspolitisches Experiment riskieren, das ist nachvollziehbar. Und Helmut Kohl, so meine ich mich zu erinnern, betonte in Interviews, dass man auch kein Drehbuch oder ähnliches in der Schublade hatte. Doch der Preis dieser, sagen wir: Nüchternheit wurde unterschätzt. Aus der Einheit wurde zu selten eine gemeinsame zweite Gründungserzählung. Viele Westdeutsche mussten sich kaum fragen, was die Einheit eigentlich für ihr eigenes Selbstverständnis bedeutete. Viele Ostdeutsche sollten folgen.
Und genau hier liegt eben die aus meiner Sicht dramatische Leerstelle. Menschen können ohne Perspektive schlecht leben. Sie brauchen nicht zwingend Religion, Ideologie oder Pathos, aber sie brauchen Orientierung, eine Vorstellung davon, wohin es gehen soll, warum Anpassung sinnvoll ist, wofür Verzicht geleistet wird und worin die eigene Würde innerhalb eines größeren Ganzen liegt. Religion mag man im Ganzen sehr kritisch sehen; ihre orientierende Funktion ist dennoch kaum zu bestreiten. Dass Menschen sich in Zeiten biografischer, sozialer oder kultureller Verunsicherung religiösen Angeboten neu zuwenden, zeigt gerade diese Suchbewegung. Wo liberale Demokratien keine überzeugende Orientierung anbieten, entsteht ein Vakuum. Und Vakuen werden politisch selten leer gelassen. Klar, jetzt mag man sagen: Wir verstehen, worauf du hinauswillst, aber es gibt doch zahlreiche Erfolgsbiografien. Die haben ihren Weg gemacht. Und ich würde dann stets antworten: Ja, klar, die gibt es, gar kein Zweifel. Aber das waren meist sicherlich die, die immer klarkommen. Damit hatten wir aber letztlich ein völlig unnötiges freies Spiel der Kräfte.
Die Bundesrepublik hätte deshalb nach 1990 ein modernes gesamtdeutsches Leitbild gebraucht: nicht nationalistisch, nicht romantisch, nicht ethnisch, sondern republikanisch im besten Sinne. Deutschland ist eben kein Besitzverhältnis, sondern ein politisches Projekt. Ost und West haben beide Brüche, Verantwortung, Leistungen und Lernprozesse eingebracht. Die Friedliche Revolution gehört ebenso zur demokratischen DNA dieses Landes wie das Grundgesetz. Freiheit bedeutet nicht Homogenität, sondern die Zumutung, in Verschiedenheit rechtsstaatlich zusammenzuleben. Und Ost und West hätten das hinbekommen, da habe ich überhaupt keinen Zweifel.
Stattdessen wurde Demokratie häufig verwaltet, aber zu wenig erzählt. Freiheit wurde geliefert, aber Anerkennung ungleich verteilt. Wohlstand wurde versprochen, aber Entwertungserfahrungen wurden unterschätzt. Das erklärt nicht alles, was heute politisch schiefläuft. Es erklärt keine einzelne Wahlentscheidung vollständig und entschuldigt keinen Extremismus. Aber es hilft zu verstehen, warum autoritäre und populistische Angebote in Teilen des Landes so anschlussfähig werden konnten: Sie stoßen in eine symbolische Leerstelle vor. Sie behaupten Zugehörigkeit dort, wo die demokratische Republik sie zu selten überzeugend formuliert hat. (Und, nebenbei gesagt: Das ist eben auch nicht nur eine analoge, sondern ganz besonders eine digitale Leerstelle. Meine digitale Hauptthese ist ja immer noch: Deutschland hat keine brauchbare Digitalkultur. Und damit eine Lücke, die in diesem Falle genutzt wurde. Das hätte nicht sein müssen.)
Ein gesamtdeutsches Leitbild dürfte deshalb nicht lauten: Wir gegen die Extremisten. Das ist notwendig, aber zu schmal. Es müsste lauten: Diese Republik gehört allen, die ihre Regeln tragen. Niemand muss westdeutsch werden, um Demokrat zu sein. Niemand darf ostdeutsche Erfahrung gegen liberale Demokratie ausspielen. Und niemand hat ein Recht darauf, Enttäuschung in Verachtung des Rechtsstaats zu übersetzen.
Die Aufgabe ist nicht nostalgische Einheitsrhetorik, die Aufgabe ist politische Form. Ein moderner Patriotismus misst sich nicht an Fahnen, Pathos oder Herkunft, sondern daran, ob Institutionen funktionieren, Macht begrenzt bleibt, Bürger ernst genommen werden und Freiheit verteidigt wird. Deutschland braucht keine neue Heilslehre, es braucht eine nüchterne, glaubwürdige republikanische Erzählung: Freiheit, Verantwortung, Rechtsstaat, Leistungsfähigkeit, Anerkennung und europäische Einbindung. Und das gemeinsam.
Vielleicht war das Versäumnis von 1990 nicht, dass die Einheit zu pragmatisch organisiert wurde. Vielleicht war das Versäumnis, dass der Pragmatismus nie durch ein gemeinsames Leitbild ergänzt wurde, dass keine Anschlusserzählung kam. Die Bundesrepublik wurde größer, aber sie erklärte sich selbst nicht neu genug. An dieser offenen Stelle arbeiten heute andere – oft mit schlechten Absichten. Genau deshalb muss man sie schließen.
Dazu ist es immerhin noch nicht zu spät, so meine Überzeugung.