Warum eine Zentralstelle für Entgrenzungsforschung sinnvoll erscheint

Auf der Enforce Tac in Nürnberg habe ich ein neues Projekt vorgestellt: Die Zentralstelle für Entgrenzungsforschung im Netzwerk Terrorismusforschung (NTF-ZfE). Hier einige Gedanken, warum ich diese Idee für sinnvoll halte:

„Man schlägt die EU mit Waffen, die sie nicht besitzt, indem man Anstandsregeln, Absprachen, Normen verletzt.“ Dieser Satz, den Vedran Džihić prägnant formuliert hat, beschreibt ein Problem, das in Europa lange unterschätzt wurde: Unsere Gesellschaften sind normativ stark, rechtsstaatlich gebunden und moralisch sensibel. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt. Es erzeugt aber zugleich eine gefährliche Lücke, wenn Gegner gerade von der bewussten Verletzung dieser Normen leben. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Extremgewalt zu dokumentieren oder im Nachhinein juristisch zu bewerten. Das geschieht bereits. Die eigentliche Lücke liegt früher: in der mangelnden gedanklichen Vorbereitung auf das Undenkbare. Wer Gewalt, Folter, gezielte Tötungen, Hinrichtungen, sexualisierte Gewalt oder andere schwerste Normbrüche sprachlich entschärft oder nur abstrakt behandelt, erschwert Prävention, Schutzplanung und entschlossene Reaktion. Euphemismen erzeugen Sicherheitslücken.

Genau hier setzt die Zentralstelle für Entgrenzungsforschung: Extremgewalt, Folter, Tod (NTF-ZfE) an. Ihr Gegenstand ist nicht die Beobachtung von Gewaltanwendung an sich, sondern die nüchterne, präzise und tabufreie Analyse von Entgrenzung: Wie kippen Normen? Welche Täterlogiken, Anreizstrukturen, Befehlslagen und Straflosigkeitsregime begünstigen schwerste Verbrechen? Welche Frühwarnindikatoren werden im europäischen Denken übersehen? Und wie lassen sich diese Erkenntnisse in robuste Präventions-, Schutz- und Interventionskonzepte übersetzen? Daraus ergeben sich konkrete Forschungsansätze: die Entwicklung von Klartext-Taxonomien für schwerste Normbrüche, die Identifikation von Eskalationsmustern in bewaffneten Konflikten, die Analyse von Gewalt gegen Zivilisten als strategischem Instrument, die systematische Untersuchung von Entmenschlichung und Straflosigkeit sowie die Konzeption von Stresstests für Institutionen, die auf Extremgewalt vorbereitet sein müssen.

Die Grundidee ist einfach: Was nicht klar gedacht, klar benannt und klar modelliert wird, kann auch nicht wirksam verhindert werden. Entgrenzungsforschung ist deshalb keine Zuspitzung aus Sensationslust, sondern eine notwendige Form realistischer Sicherheitsvorsorge.

Die ZfE hat ihre Arbeit aufgenommen und wird ihre Außenwirkung weiter ausbauen, noch in diesem Jahr mit ersten Ergebnissen.