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Medienanalyse: Studie bekräftigt eigene Methodik

Ein Beitrag vom 17. August 2016

Wenn man an einer neuen Methodik arbeitet, ist man wohl immer fest davon überzeugt, daß die Idee sehr gut ist. (Warum sollte man sonst auch so viel Energie und Zeit dafür aufwenden?) Der Haken an der Sache ist nur, daß einem die eigene Überzeugung nur sehr begrenzt weiterhilft, wenn man die ganze Welt (oder zumindest einen Teil der „Fachwelt“ :-) von der eigenen Idee überzeugen will. Die Kolleginnen und Kollegen wollen natürlich – so wie auch die „allgemeine Öffentlichkeit“ – eine (idealerweise empirische) Bestätigung erleben: wenn die Methode, die Du da anwendest, etwas taugt, dann wird es dazu ja unabhängige Zahlen geben, die das bestätigen.

Und: ja, die gibt es. Inzwischen bereits mehrfach. Beispielsweise einmal hier und auch hier. Aber jetzt auch zusätzlich hier. Zwar handelt es sich dabei „nur“ um Zwischenergebnisse und zudem nicht um direkte Zahlen (wie oben), aber die Ergebnisse an sich sehen schon sehr vielversprechend aus (hinsichtlich ihrer Passung mit meiner Arbeit).

Denn die erste Frage, die ich mir nach meiner Medien-/Diskurs-/Tendenzanalyse (die Begriffe schwanken selbstverständlich noch, da work in progress) stelle, ist immer: werden meine – absichtlich groben – Tendenzergebnisse bekräftigt oder liege ich mit meiner Vorgehensweise falsch? Erneut gibt es nun eine Bekräftigung, und zwar von den KollegInnen der Hamburg Media School:

„Mehr als 34.000 Pressebeiträge hat ein von Michael Haller geleitetes Projektteam an der Hamburg Media School (HMS) ausgewertet, um zu klären: Wie haben deutsche Medien in den Jahren 2009 bis 2015 über die Flüchtlingspolitik berichtet?“

(Quelle: s.o.)

Ich stelle mir in meiner Arbeit ja sehr ähnliche Fragen: wie wird über xy berichtet – um dann daraus zu folgern, wie die Position gegenüber dieser Thematik ist (positiv oder negativ). Welche Aspekte der Arbeit der KollegInnen begeistern mich nun besonders?

Punkt 1: die massive Zunahme der Berichterstattung nach einem oder mehreren thematisch passenden (Groß-)Ereignissen

Auch von den KollegInnen der HMS wurde beobachtet: „Mit dem wachsenden Zustrom von Geflüchteten sei die Berichterstattung, welche die Willkommenskultur thematisierte, regelrecht explodiert.“ Logisch, keine besondere Überraschung. Auch nicht dieses extreme Wachstum an neuen Artikeln zu einem Thema. (Aber immerhin gut zu sehen, daß man hier sehr ähnlicher Meinung ist ;-) Das Exponentielle ist hier ja das eigentlich Interessante. Genauer gesagt: nicht die Tatsache, daß es auftritt, sondern die Frage, wie man damit umgeht. Je öfter es auftritt, desto stärker muß man es berücksichtigen. Denn mit der Anzahl der Artikel ändert sich auch die Tonalität.

Punkt 2: eine grobe Einteilung ergibt Sinn

„Insgesamt seien 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zwölf Prozent rein berichtend, sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert.“ Das sieht für mich nicht nach einer besonders feinen Skala aus, sondern eben nach einer groben Ausrichtung. Und das ergibt Sinn, zumindest in vielen Szenarien, in denen es eben ausreicht, die Tendenz zu skizzieren. Und das ist sowohl bei der Flüchtlingsthematik als auch bei meinen Themen sehr oft der Fall. Hier braucht es offensichtlich keine zweite Nachkommastelle.

Punkt 3: Social Engineering

Okay, das hat nur indirekt etwas mit meiner Tendenzanalyse zu tun, aber hier kann ich die KollegInnen umgekehrt ja auch mal bestätigen: „Jenseits der Frage, ob der Journalismus damit seiner Rolle als kritischer Beobachter gerecht wurde, stellt Haller in Rechnung, dass diese Berichterstattung auch wünschenswerte Effekte gezeitigt haben könnte: Dass in vielen Städten Menschen, Gruppen und Initiativen eine Willkommenskultur lebten, die den Zustrom bewältigen half, stehe möglicherweise auch mit der Tendenz der Berichterstattung in Zusammenhang.“ Ja, das funktioniert. Die Menschen richten sich und ihr Handeln selbstverständlich (in einem gewissen Maße) dementsprechend aus. Sie hätten sonst gar keine Chance mehr, ihr Leben und ihre Lebenswelt erfolgreich zu strukturieren. Das dürften wir also beide gleichermaßen festgestellt haben: die Beeinflussung ist möglich. Und sie ist beobachtbar.

Punkt 4: allzu viel neutrale/sachliche Berichterstattung sollte man nicht erwarten

„Die Studie untersucht auch die Tonalität von Beiträgen reichweitenstarker Medien im Sommer 2015. Zwanzig Prozent der Berichte der „Tagesschau“ seien implizit wertend gewesen, bei „Spiegel Online“ an die vierzig Prozent, bei der Online-Ausgabe der „Welt“ fünfzehn Prozent.“

und

„Rund zwei Drittel der tonangebenden Medien hätten zunächst „übersehen“, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellen würden. Nur ein Drittel der Berichte hätten von September 2015 an Probleme aufgegriffen.

Dazu nun das, was ich in einem Bericht zu einem Sicherheitsforschungs-Topic mal folgendermaßen umschrieb:

Die Qualität der Beiträge rund um das [von mir untersuchte Thema] liess in aller Regel deutlich zu wünschen übrig, d.h. es unterliefen zahlreichen Journalisten entweder bedeutende Fehler (v.a. technischer Art), die den Sinngehalt eines Artikels nicht nur marginal beeinflussten und zudem bereits im ersten Schritt einer eigenständigen Recherche aufzudecken waren oder die Artikel waren deutlich weniger objektiv als es aufgrund journalistischer Sorgfaltspflicht nötig gewesen wäre. Damit könnte – im Falle einer entsprechend negativ konnotierten Interpretation der Motivation der jeweiligen Autorin bzw. des jeweiligen Autors – das Merkmal der „Stimmungsmache“ durchaus als erfüllt angesehen werden. Der Verfasser hatte schon „mit den Augen des Laien“ nicht den Eindruck, dass zahlreiche [thematisch relevante Beiträge] wirklich zu einer gehaltvollen Information der Öffentlichkeit beitragen können – und erst recht nicht aus der Perspektive des Experten.

Soviel dazu in meinem damaligen Bericht. Es dürfte der geneigten Leserin bzw. dem geneigten Leser nicht allzu schwerfallen, hier die Gemeinsamkeiten von HMS-Studienergebnissen und meinen Aussagen festzustellen. Damit wird zumindest die Unausgewogenheit bzw. die problematische Faktenbearbeitung deutscher Medien(häuser) bei bestimmten Themen deutlich hervorgehoben und abermals bekräftigt. Das heißt für den an Fakten interessieren (und an Wertung oder gar Ideologie uninteressieren) Leser: man kann sich zu einem signifikanten Maß nicht wirklich auf die Berichterstattung über bestimmte Themen verlassen.

Aus meiner persönlichen Sicht als Soziologe ist dies freilich ein gefährliches Problem. Erfreulich ist daran auch nur, daß ich mit meiner Einschätzung – auch wenn sie zu einem anderen Thema war – eine ähnliche Beobachtung (nur auf einem anderen, eben „meinem“ Weg) machen konnte. Denn es wäre ja extrem verwunderlich gewesen, wenn gerade mein Thema ein besonderer Ausreißer gewesen wäre, mit viel Wertung, Ideologie oder tendenziöser Berichterstattung, und alle anderen Themen „dieser Art“ (eine bessere Um- und Überschreibung fällt mir dazu gerade nicht ein) wären da ganz anders (re)präsentiert worden.

Die Übereinstimmungen zeigen jedoch (wieder einmal ;-): die Methodik scheint im Kern recht gut zu funktionieren.

(Kleiner Hinweis am Rande: teilweise waren meine Themen schon sehr ähnlich, sprich es ging nicht direkt um Flüchtlingsberichterstattung, aber beispielsweise um Ausländerfeindlichkeit, speziell gegenüber Flüchtlingen. Es gab aber insgesamt mehrere Themen, bei denen die Tendenzanalyse als Kern von Sociality by Design eingesetzt wurde, und selbstverständlich verbietet sich eine Analogiebildung bei zu weit voneinander entfernten Themen, die deshalb hier auch nicht erwähnt worden sind.)


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