{"id":7229,"date":"2020-11-30T09:44:36","date_gmt":"2020-11-30T08:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=7229"},"modified":"2020-11-29T22:32:21","modified_gmt":"2020-11-29T21:32:21","slug":"live-ereignisse-bei-twitter-kommentieren-ein-kurzer-bericht-ueber-chancen-und-risiken-eines-selbstentwickelten-konzepts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2020\/11\/30\/live-ereignisse-bei-twitter-kommentieren-ein-kurzer-bericht-ueber-chancen-und-risiken-eines-selbstentwickelten-konzepts\/","title":{"rendered":"Live-Ereignisse bei Twitter begleiten: ein kurzer Bericht \u00fcber Chancen und Risiken eines selbstentwickelten Konzepts"},"content":{"rendered":"<p>Die Begleitung eines Live-Ereignisses \u00fcber einen Nachrichtendienst wie Twitter ist immer eine Gratwanderung: sind die Informationen, die man beisteuern kann, gut, wird Menschen konkret und zeitnah geholfen. Sind die Informationen falsch, irref\u00fchrend oder unvollst\u00e4ndig, k\u00f6nnten so nicht nur Ger\u00fcchte in die Welt gesetzt werden, die letztlich ein unkontrollierbares (und ggf. unangenehmes) Eigenleben entwickeln k\u00f6nnen, sondern es k\u00f6nnte direkt zu konkreten Gefahren f\u00fcr die RezipientInnen kommen. Deshalb habe ich wie immer in so einem Falle zuerst ein wenig gez\u00f6gert, als ich w\u00e4hrend meiner Arbeit am 2. November vom Anschlag in Wien las. Da ich derzeit f\u00fcr den Twitter-Account unseres Netzwerks Terrorismusforschung zust\u00e4ndig bin, kam schnell die altbekannte Frage auf: Soll man in so einem Falle live mittwittern, um ggf. einen (sinnvollen) Beitrag zu leisten? Oder st\u00f6rt und nervt die Twitterei nur, da in der Tat auch immer Falschmeldungen kursieren und man nat\u00fcrlich wei\u00df, da\u00df man diesen niemals vollst\u00e4ndig ausweichen kann? Ich entschied mich f\u00fcr eine mehrst\u00fcndige Live-Begleitung nach einem von mir selbst entworfenen Konzept (in Kurzform: so gut wie nur m\u00f6glich \u00fcberpr\u00fcfte Information plus extrem schnelle Reaktion plus wiederholte Verweise auf absolut seri\u00f6se Quellen sowie ein ausnahmsloser Verzicht auf Tatortfotos bzw. -videos, individuelle Kommentare, offenkundige (!) Ger\u00fcchte und emotionale Beitr\u00e4ge), und das nicht nur aus fachlichen Gr\u00fcnden. Wien ist meine \u201ezweite Heimat\u201c und dieser Fall wurde damit zu einem besonderen Fall. Vielleicht h\u00e4tte genau dieser Aspekt die eine oder den anderen erst recht dazu bewogen, nicht zu twittern. Doch ich entschied mich daf\u00fcr. R\u00fcckblickend mu\u00df ich feststellen, da\u00df dies die richtige Entscheidung war.<\/p>\n<p>Ich war freilich nicht der Einzige, der versuchte, hilfreiche Informationen zu verbreiten, die Menschen bestm\u00f6glich zu informieren und auch eigene Statements abzugeben, die einem in so einem Moment hilfreich erscheinen. Besonders aktiv (und auff\u00e4llig) war der Journalist Florian Klenk \u2013 der f\u00fcr seine Arbeit jedoch erstaunlicherweise zuhauf Kritik erfuhr. Das \u00fcberraschte mich, da ich keinen Anla\u00df f\u00fcr derart starke Kritik in seinem Vorgehen entdecken konnte. Doch nat\u00fcrlich gilt auch in diesem Falle die alte Weisheit von Karl Popper:<\/p>\n<p><em>\u201cAlways remember that it is impossible to speak in such a way that you cannot be misunderstood: there will always be some who misunderstand you.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Besonders seltsam kam der Vorwurf der Zeitschrift Profil r\u00fcber, \u00fcber den Klenk sp\u00e4ter auf Twitter berichtete: er habe, so der Vorwurf, mit seiner Arbeit in einem Fall die Polizei konkret behindert. Klenk bat hier die Landespolizeidirektion Wien um Aufkl\u00e4rung, da er offenbar anderes geh\u00f6rt hatte: <\/p>\n<p><em>\u201eProfil behauptet, ohne R\u00fcckfrage, ich h\u00e4tte die laufende Polizeiarbeit behindert. Das ist ein wirklich infamer Vorwurf, der mich auch ganz pers\u00f6nlich trifft. Die Polizei hat sich sogar pers\u00f6nlich und \u00f6ffentlich bei mir bedankt. W\u00e4re gut, wenn @LPDWien hier Stellung nehmen k\u00f6nnte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die LPD Wien reagierte daraufhin wie folgt:<\/p>\n<p><em>\u201eGerade die &#8220;gro\u00dfen&#8221; Accounts haben uns in der Anfangsphase enorm geholfen Warnungen &#038; valide Informationen zu verbreiten. Zu Beginn wurde entsprechend gewarnt &#038; als wir mit der Kommunikation begonnen haben auf uns verwiesen. Die Kritik k\u00f6nnen wir nicht nachvollziehen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dies beruhigte mich sehr, auch wenn das NTF keinen \u201egro\u00dfen\u201c Account hat. Doch erstens wurden wir aufgrund der von mir ausgesandten \u201eMasse\u201c (= ein paar Dutzend) Tweets auch sehr deutlich wahrgenommen &#8211; im Kontext des Wien-Anschlags erreichten unsere Tweets ca. 200.000 Impressions &#8211; und damit (durch unser Wirken in diesem Kontext) &#8220;gro\u00df&#8221;. Und zweitens hatte ich nichts anderes vor als Florian Klenk: ich wollte helfen. Doch ich wollte hier auf Nummer Sicher gehen. Deshalb formulierte ich einen entsprechenden Tweet als Reaktion auf die Aussagen der LPD Wien:<\/p>\n<p><em>Wenn auch wir (mithilfe unseres kleinen Accounts) eventuell ein bi\u00dfchen helfen konnten, dann w\u00e4ren wir schon sehr zufrieden. Zumindest die Verweise auf die @LPDWien  erschienen mir doch sehr wichtig. (sh)<\/em><\/p>\n<p>Die LPD Wien reagierte mit einem \u201eGef\u00e4llt mir\u201c-Klick.<\/p>\n<p>Fazit: Ich war und bin immer noch sehr froh und erleichtert ob dieser Best\u00e4tigung, denn Kritik bleibt bei solchen Aktionen wohl nie aus und es ist demzufolge immer ein gewisses Risiko enthalten, welches im Hinterkopf ist und bleibt. Doch es ist gut zu wissen, da\u00df die angewandte Strategie hier voll aufging und man demzufolge etwas weniger Zeit f\u00fcr Bedenken haben mu\u00df und mehr Energie f\u00fcr die konkrete Aufgabe aufwenden kann. Ich denke somit, da\u00df wir mit dem von mir entwickelten Ansatz ein Konzept nutzen, welches man mit entsprechender Sicherheit auch in zuk\u00fcnftigen F\u00e4llen anwenden kann. Die Grundlinien, so mein Eindruck, stimmen. Der Anla\u00df mag noch so furchtbar sein, doch die Hilfe wird wahrgenommen. Und das ist das Wichtigste.<\/p>\n<p>(Das Konzept wird demn\u00e4chst in detaillierter und klar strukturierter Fassung festgehalten und dann auch gern zur Verf\u00fcgung gestellt. Vielleicht ist es ja auch f\u00fcr andere Institutionen interessant oder gar hilfreich. Wenn Sie mehr wissen m\u00f6chten, schicken Sie mir einfach eine Mail.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Begleitung eines Live-Ereignisses \u00fcber einen Nachrichtendienst wie Twitter ist immer eine Gratwanderung: sind die Informationen, die man beisteuern kann, gut, wird Menschen konkret und zeitnah geholfen. 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