{"id":6591,"date":"2017-09-11T12:58:36","date_gmt":"2017-09-11T10:58:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=6591"},"modified":"2017-09-11T12:58:36","modified_gmt":"2017-09-11T10:58:36","slug":"der-epistemologische-penis-satire-als-forschungsmethode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2017\/09\/11\/der-epistemologische-penis-satire-als-forschungsmethode\/","title":{"rendered":"Der epistemologische Penis: Satire als Forschungsmethode"},"content":{"rendered":"<p>Zehn Jahre Universit\u00e4t der K\u00fcnste hinterlassen nat\u00fcrlich ihre Spuren. Da kommt man \u2013 gl\u00fccklicherweise \u2013 auf Ideen, die man woanders so sicher nicht bekommen h\u00e4tte. Eine Angelegenheit war bei (Abschluss)Arbeiten immer ein sehr wichtiger, wenn nicht gar der entscheidende Aspekt: eine Arbeit muss inhaltlich klar erkennbar f\u00fcr etwas stehen. Ein Ziel, eine Aussage muss deutlich werden. Das \u201eMinimum\u201c, das immer erreicht werden sollte, war (und ist nat\u00fcrlich auch heute noch) das Wecken eines Bewu\u00dftseins f\u00fcr ein bestimmtes Thema. Dies kann auf vielerlei Art und Weise erreicht werden, und einer der interessantesten und nach meiner Beobachtung wirksamsten Ans\u00e4tze \u2013 freilich l\u00e4ngst ein Klassiker, auch in der digitalen Kunst \u2013 ist das Irritierende, das Verst\u00f6rende, oder, wenn man es gleich in eine bestimmte Richtung dirigieren mag: die Satire. Wird das Publikum verst\u00f6rt, hat man seine Aufmerksamkeit. Wird das Publikum aus seiner Wohlf\u00fchlblase gerissen, erntet man echte, wahrhaftige, ehrliche Reaktionen. Und mit Satire kann Verst\u00f6rung erfahrungsgem\u00e4\u00df sehr gut gelingen.<\/p>\n<p>Diesen Ansatz nutze ich l\u00e4ngst \u2013 mit gro\u00dfem Erfolg in sehr vielen und nur geringem Erfolg in sehr wenigen F\u00e4llen &#8211; in der Wissenschaft. Sehr experimentell und punktuell freilich, aber immerhin. Da ich selten bis nie in meinen Projekten dingliche Werke wie Skulpturen oder Modelle anfertige (ich war an der UdK ja gerade nicht als K\u00fcnstler, sondern als Wissenschaftler t\u00e4tig), funktioniert die Verst\u00f6rung durch und f\u00fcr mich fast immer auf sprachlicher Ebene. Selbstverst\u00e4ndlich mu\u00df diese Idee vorsichtig eingesetzt werden, d.h. in klassischen wissenschaftlichen Vortr\u00e4gen verbieten sich m.E. allzu krasse Rollenwechsel, aber je nach Gelegenheit und Setting darf, ja: muss es ab und zu schon mal heftig werden und man selbst vom braven Gespr\u00e4chspartner zum verbalen Ver- und Zerst\u00f6rer werden. Vor allem, wenn man ein Gegen\u00fcber hat, welches eine Offenheit f\u00fcr diese Methode signalisiert oder sogar unzweifelhaft best\u00e4tigt. So kann beispielsweise aus einem langweiligen Workshop eine inhaltlich gewinnbringende Runde werden, in dem die Menschen aus ihrem Schneckenhaus herausprovoziert werden. Im Idealfall zumindest. Gl\u00fccklicherweise ist das recht oft. <\/p>\n<p>Der Nachteil dieser Methode ist selbstverst\u00e4ndlich klar und deutlich erkennbar: nicht jeder l\u00e4\u00dft sich darauf ein. Oder anders gesagt: nicht jeder versteht sie ad hoc. Provokation als Methode des Denkansto\u00dfes hat sicherlich viel mit Versuch und Irrtum zu tun. Die einen werden gekitzelt und erbringen in der Folge interessante intellektuelle Leistungen, die anderen f\u00fchlen sich schlicht verarscht, angegriffen oder beleidigt und reagieren abwehrend oder gar selbst beleidigend. Dieses Risiko mu\u00df man allerdings eingehen, denn sobald das \u201ePublikum\u201c (also auch die Kolleginnen und Kollegen in einem Workshop) wei\u00df, da\u00df eine Provokation Teil des \u201eDeals\u201c ist, greift sie nicht mehr. (\u201eAch ja, er mit seinen Witzchen\u201c). Bereits dieser Text hier ist deshalb streng genommen ein Problem: einerseits r\u00fcckt er (bisherige) \u201eWitzchen\u201c zumindest r\u00fcckwirkend ins rechte Licht, andererseits wird dadurch die Methode unaufhaltsam untergraben. Eine Grenz\u00fcberschreitung mu\u00df also von Zeit zu Zeit passieren, sonst ist der Ansatz sinnlos.<\/p>\n<p>Damit man sich aber trotzdem nicht um Kopf und Kragen redet, weil man altbekannte forschungsethische und methodologische, ja vielleicht sogar epistemologische Aspekte neu interpretiert oder gleich bewu\u00dft au\u00dfer Kraft setzt (und durch neue Ideen ersetzt), gibt es an dieser Stelle einige meiner Grunds\u00e4tze, die f\u00fcr mich Teil des gesamten Prozesses sind und mit deren Hilfe meiner Erfahrung nach &#8211; trotz aller Risiken &#8211; das Werkzeug der Verst\u00f6rung auch in der Forschung sehr gewinnbringend genutzt werden kann:<\/p>\n<p>&#8211; Die Ausgangsbasis darf, soll, mu\u00df &#8211; wie oben bereits erw\u00e4hnt &#8211; sein: Satire darf alles! Denn erst durch die Verst\u00f6rung beginnt sie zu wirken. Manchmal m\u00fcssen Menschen mit brachialer Wortgewalt aufger\u00fcttelt werden, um wirklich Gutes zustande zu bringen. Manchmal muss es sogar die komplette Zerst\u00f6rung von alten Zust\u00e4nden sein, um Neues zu kreieren. Sp\u00fcrt man das, ist es fast schon Pflicht, hier entsprechend einzusteigen und sich dieses Werkzeugs zu bedienen. Wenn alles andere nicht zu helfen scheint, bleibt nur die Grenz\u00fcberschreitung. F\u00fcr Inspirationen empfehle ich an dieser und anderer Stelle immer wieder gern das Multitalent Serdar Somuncu \u2013 meine Facebookfreunde kennen das bereits. (Remember: everything is an experiment ;-)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Serdar Somuncu bei Lanz 12.07.2011\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/669CVEvy9VY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&#8211; Es geht bei Verbalangriffen nat\u00fcrlich nicht nur um Verst\u00f6rung bzw. Zerst\u00f6rung auf der Mikroebene. Tats\u00e4chlich freie Rede ist immer auch eine Grundrechtsfrage, also ein Thema f\u00fcr die Metaebene. Man erf\u00e4hrt durch Grenz\u00fcberschreitungen sehr gut, was die Mitmenschen wirklich vom Menschenrecht auf freie Rede halten, denn ihre Reaktion zeigt ihre Haltung auch in dieser Hinsicht. In nicht wenigen F\u00e4llen entpuppte sich dann schon manch\u2018 vermeintlicher Freigeist als Kleingeist. Ich bin Vertreter einer sehr liberalen Idee von Redefreiheit und gro\u00dfer Fan der Ideen von Timothy Garton Ash. Oder um es noch konkreter (und gern auch provokanter) zu sagen: f\u00fcr mich ist Redefreiheit in Deutschland noch ausbauf\u00e4hig. Da w\u00fcrde mehr gehen, ohne gleich das Gemeinwesen zu gef\u00e4hrden. Und: ja, diese Aussage meine ich absolut ernst. Leider scheinen wir uns derzeit mit Sicherheit nicht in diese, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, da ich nicht sehe, da\u00df die saubere Trennung zwischen strafrechtlich relevanten Inhalten und Redefreiheit ein gesamtgesellschaftlicher Herzenswunsch zu sein scheint. Vielmehr wird in vielen F\u00e4llen wild draufgehauen, gel\u00f6scht und, wie manche Kolleginnen und Kollegen sagen, \u201e\u00fcberzensiert\u201c \u2013 schade, denn damit, so meine \u00dcberzeugung, geht mehr verloren als letztlich gerettet wird. Dieser Meta-Aspekt ist m.E. untrennbar mit der Nutzung von Satire als Methode verbunden. Es wird nach jeder Nutzung dieses Werkzeugs auch immer um die Rolle der Redefreiheit gehen. Und das ist auch gut so.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Serdar Somuncu \u00bbIhr merkt, ich bin ein bisschen aggro\u00ab\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rXwDv_X4Ip0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&#8211; Es mu\u00df am Ende immer und ausnahmslos erkennbar sein, da\u00df hinter der Verst\u00f6rung ein h\u00f6heres (ehrenwertes) Ziel steckt und sie nicht Selbstzweck oder blo\u00dfe Belustigung ist. Das hei\u00dft nicht, da\u00df eine Vorank\u00fcndigung, eine Warnung, ein Spoiler oder Disclaimer erfolgen mu\u00df (denn das w\u00fcrde die Sache ad absurdum f\u00fchren), sondern da\u00df am Ende eines Analyseprozesses immer die Erkenntnis stehen mu\u00df, da\u00df es hier um eine besondere Methode ging und nicht um ernstgemeinte Verletzungen. Das gelingt meines Erachtens dann sehr gut, wenn die Person, die diese Methode aus\u00fcbt, insgesamt, ohne Wenn und Aber, als Pers\u00f6nlichkeit in Wissenschaft und Privatleben, f\u00fcr etwas steht, was den pr\u00e4sentierten Verst\u00f6rungen diametral entgegensteht: zumindest f\u00fcr Freiheit mit Verantwortung, Demokratie und Menschenrechte, Humanit\u00e4t und Liberalit\u00e4t. Dann \u00fcbrigens gelingt die Verst\u00f6rung auch am besten: wenn der \u201eliebe Kollege\u201c pl\u00f6tzlich radikal wird, wenn der Seitenwechsel radikal ist. Und er eben am Ende (und nicht zu Beginn) das R\u00e4tsel aufl\u00f6st \u2013 nachdem hoffentlich auch etwas kreativer Gewinn eingebracht werden konnte. Dann kann man \u00fcber die Methode an sich reden.<\/p>\n<p>Satire ist offenbar ein neuer Ansatz, zumindest kein besonders etablierter, und es gibt noch viel zu erforschen und zu definieren. Meine obigen Gedanken sind erste Ans\u00e4tze, keinesfalls die allumfassende Weisheit der bisherigen punktuellen Nutzungen dieses Werkzeugs. Ab und zu taucht Satire im Wissenschaftsbetrieb schon auf, beispielsweise wenn der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Satire#Satire_in_der_Wissenschaft\">Penis als soziales Konstrukt<\/a> thematisiert wird. Deshalb werde ich in einem meiner Seminare im Wintersemester Satire als Forschungsmethode zum Thema machen, um das Ganze mal gr\u00fcndlicher zu erforschen. Ich bin gespannt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Jahre Universit\u00e4t der K\u00fcnste hinterlassen nat\u00fcrlich ihre Spuren. Da kommt man \u2013 gl\u00fccklicherweise \u2013 auf Ideen, die man woanders so sicher nicht bekommen h\u00e4tte. 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