{"id":6169,"date":"2016-08-17T09:47:21","date_gmt":"2016-08-17T07:47:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=6169"},"modified":"2016-08-16T14:56:14","modified_gmt":"2016-08-16T12:56:14","slug":"medienanalyse-studie-bekraeftigt-eigene-methodik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2016\/08\/17\/medienanalyse-studie-bekraeftigt-eigene-methodik\/","title":{"rendered":"Medienanalyse: Studie bekr\u00e4ftigt eigene Methodik"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man an einer neuen Methodik arbeitet, ist man wohl immer fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df die Idee sehr gut ist. (Warum sollte man sonst auch so viel Energie und Zeit daf\u00fcr aufwenden?) Der Haken an der Sache ist nur, da\u00df einem die eigene \u00dcberzeugung nur sehr begrenzt weiterhilft, wenn man die ganze Welt (oder zumindest einen Teil der &#8220;Fachwelt&#8221; :-) von der eigenen Idee \u00fcberzeugen will. Die Kolleginnen und Kollegen wollen nat\u00fcrlich &#8211; so wie auch die &#8220;allgemeine \u00d6ffentlichkeit&#8221; &#8211; eine (idealerweise empirische) Best\u00e4tigung erleben: wenn die Methode, die Du da anwendest, etwas taugt, dann wird es dazu ja unabh\u00e4ngige Zahlen geben, die das best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Und: ja, die gibt es. Inzwischen bereits mehrfach. Beispielsweise einmal <a href=\"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5924\">hier<\/a> und auch <a href=\"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5947\">hier<\/a>. Aber jetzt auch zus\u00e4tzlich <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/studie-wie-ueber-fluechtlinge-berichtet-wurde-14378135.html\">hier<\/a>. Zwar handelt es sich dabei &#8220;nur&#8221; um Zwischenergebnisse und zudem nicht um direkte Zahlen (wie oben), aber die Ergebnisse an sich sehen schon sehr vielversprechend aus (hinsichtlich ihrer Passung mit meiner Arbeit). <\/p>\n<p>Denn die erste Frage, die ich mir nach meiner Medien-\/Diskurs-\/Tendenzanalyse (die Begriffe schwanken selbstverst\u00e4ndlich noch, da <em>work in progress<\/em>) stelle, ist immer: werden meine &#8211; absichtlich groben &#8211; Tendenzergebnisse bekr\u00e4ftigt oder liege ich mit meiner Vorgehensweise falsch? Erneut gibt es nun eine Bekr\u00e4ftigung, und zwar von den KollegInnen der Hamburg Media School:<\/p>\n<p>&#8220;Mehr als 34.000 Pressebeitr\u00e4ge hat ein von Michael Haller geleitetes Projektteam an der Hamburg Media School (HMS) ausgewertet, um zu kl\u00e4ren: Wie haben deutsche Medien in den Jahren 2009 bis 2015 \u00fcber die Fl\u00fcchtlingspolitik berichtet?&#8221;<\/p>\n<p><em>(Quelle: s.o.)<\/em><\/p>\n<p>Ich stelle mir in meiner Arbeit ja sehr \u00e4hnliche Fragen: wie wird \u00fcber xy berichtet &#8211; um dann daraus zu folgern, wie die Position gegen\u00fcber dieser Thematik ist (positiv oder negativ). Welche Aspekte der Arbeit der KollegInnen begeistern mich nun besonders?<\/p>\n<p><strong>Punkt 1: die massive Zunahme der Berichterstattung nach einem oder mehreren thematisch passenden (Gro\u00df-)Ereignissen<\/strong><\/p>\n<p>Auch von den KollegInnen der HMS wurde beobachtet: &#8220;Mit dem wachsenden Zustrom von Gefl\u00fcchteten sei die Berichterstattung, welche die Willkommenskultur thematisierte, regelrecht explodiert.&#8221; Logisch, keine besondere \u00dcberraschung. Auch nicht dieses <em>extreme <\/em>Wachstum an neuen Artikeln zu einem Thema. (Aber immerhin gut zu sehen, da\u00df man hier sehr \u00e4hnlicher Meinung ist ;-) Das Exponentielle ist hier ja das eigentlich Interessante. Genauer gesagt: nicht die Tatsache, da\u00df es auftritt, sondern die Frage, wie man damit umgeht. Je \u00f6fter es auftritt, desto st\u00e4rker mu\u00df man es ber\u00fccksichtigen. Denn mit der Anzahl der Artikel \u00e4ndert sich auch die Tonalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Punkt 2: eine grobe Einteilung ergibt Sinn<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Insgesamt seien 82 Prozent aller Beitr\u00e4ge zur Fl\u00fcchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zw\u00f6lf Prozent rein berichtend, sechs Prozent h\u00e4tten die Fl\u00fcchtlingspolitik problematisiert.&#8221; Das sieht f\u00fcr mich nicht nach einer besonders feinen Skala aus, sondern eben nach einer groben Ausrichtung. Und das ergibt Sinn, zumindest in vielen Szenarien, in denen es eben ausreicht, die <em>Tendenz <\/em>zu skizzieren. Und das ist sowohl bei der Fl\u00fcchtlingsthematik als auch bei meinen Themen sehr oft der Fall. Hier braucht es offensichtlich keine zweite Nachkommastelle.<\/p>\n<p><strong>Punkt 3: Social Engineering<\/strong><\/p>\n<p>Okay, das hat nur indirekt etwas mit meiner Tendenzanalyse zu tun, aber hier kann ich die KollegInnen umgekehrt ja auch mal best\u00e4tigen: &#8220;Jenseits der Frage, ob der Journalismus damit seiner Rolle als kritischer Beobachter gerecht wurde, stellt Haller in Rechnung, dass diese Berichterstattung auch w\u00fcnschenswerte Effekte gezeitigt haben k\u00f6nnte: Dass in vielen St\u00e4dten Menschen, Gruppen und Initiativen eine Willkommenskultur lebten, die den Zustrom bew\u00e4ltigen half, stehe m\u00f6glicherweise auch mit der Tendenz der Berichterstattung in Zusammenhang.&#8221; Ja, das funktioniert. Die Menschen richten sich und ihr Handeln selbstverst\u00e4ndlich (in einem gewissen Ma\u00dfe) dementsprechend aus. Sie h\u00e4tten sonst gar keine Chance mehr, ihr Leben und ihre Lebenswelt erfolgreich zu strukturieren. Das d\u00fcrften wir also beide gleicherma\u00dfen festgestellt haben: die Beeinflussung ist m\u00f6glich. Und sie ist beobachtbar.<\/p>\n<p><strong>Punkt 4: allzu viel neutrale\/sachliche Berichterstattung sollte man nicht erwarten<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Die Studie untersucht auch die <strong>Tonalit\u00e4t <\/strong>von Beitr\u00e4gen reichweitenstarker Medien im Sommer 2015. Zwanzig Prozent der Berichte der \u201eTagesschau\u201c seien <strong>implizit wertend <\/strong>gewesen, bei \u201eSpiegel Online\u201c an die vierzig Prozent, bei der Online-Ausgabe der \u201eWelt\u201c f\u00fcnfzehn Prozent.&#8221;<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p>&#8220;Rund <strong>zwei Drittel der tonangebenden Medien h\u00e4tten<\/strong> zun\u00e4chst <strong>\u201e\u00fcbersehen\u201c<\/strong>, dass die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen in gro\u00dfer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellen w\u00fcrden. <strong>Nur ein Drittel der Berichte h\u00e4tten von September 2015 an Probleme aufgegriffen.<\/strong>&#8221;<\/p>\n<p>Dazu nun das, was ich in einem Bericht zu einem Sicherheitsforschungs-Topic mal folgenderma\u00dfen umschrieb:<\/p>\n<p>Die <strong>Qualit\u00e4t der Beitr\u00e4ge<\/strong> rund um das [von mir untersuchte Thema] <strong>liess in aller Regel deutlich zu w\u00fcnschen \u00fcbrig<\/strong>, d.h. es unterliefen zahlreichen Journalisten entweder bedeutende Fehler (v.a. technischer Art), die den Sinngehalt eines Artikels nicht nur marginal beeinflussten und zudem bereits im ersten Schritt einer eigenst\u00e4ndigen Recherche aufzudecken waren oder die Artikel waren deutlich weniger objektiv als es aufgrund journalistischer Sorgfaltspflicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Damit k\u00f6nnte &#8211; im Falle einer entsprechend negativ konnotierten Interpretation der Motivation der jeweiligen Autorin bzw. des jeweiligen Autors &#8211; das <strong>Merkmal der \u201eStimmungsmache\u201c durchaus als erf\u00fcllt angesehen<\/strong> werden. Der Verfasser hatte schon \u201emit den Augen des Laien\u201c nicht den Eindruck, dass zahlreiche [thematisch relevante Beitr\u00e4ge] wirklich zu einer gehaltvollen Information der \u00d6ffentlichkeit beitragen k\u00f6nnen &#8211; und erst recht nicht aus der Perspektive des Experten.<\/p>\n<p>Soviel dazu in meinem damaligen Bericht. Es d\u00fcrfte der geneigten Leserin bzw. dem geneigten Leser nicht allzu schwerfallen, hier die Gemeinsamkeiten von HMS-Studienergebnissen und meinen Aussagen festzustellen. Damit wird zumindest die Unausgewogenheit bzw. die problematische Faktenbearbeitung deutscher Medien(h\u00e4user) <em>bei bestimmten Themen<\/em> deutlich hervorgehoben und abermals bekr\u00e4ftigt. Das hei\u00dft f\u00fcr den an Fakten interessieren (und an Wertung oder gar Ideologie uninteressieren) Leser: man kann sich zu einem signifikanten Ma\u00df nicht wirklich auf die Berichterstattung \u00fcber bestimmte Themen verlassen. <\/p>\n<p>Aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht als Soziologe ist dies freilich ein gef\u00e4hrliches Problem. Erfreulich ist daran auch nur, da\u00df ich mit meiner Einsch\u00e4tzung &#8211; auch wenn sie zu einem anderen Thema war &#8211; eine \u00e4hnliche Beobachtung (nur auf einem anderen, eben &#8220;meinem&#8221; Weg) machen konnte. Denn es w\u00e4re ja extrem verwunderlich gewesen, wenn gerade mein Thema ein besonderer Ausrei\u00dfer gewesen w\u00e4re, mit viel Wertung, Ideologie oder tendenzi\u00f6ser Berichterstattung, und alle anderen Themen &#8220;dieser Art&#8221; (eine bessere Um- und \u00dcberschreibung f\u00e4llt mir dazu gerade nicht ein) w\u00e4ren da ganz anders (re)pr\u00e4sentiert worden. <\/p>\n<p>Die \u00dcbereinstimmungen zeigen jedoch (wieder einmal ;-): die Methodik scheint im Kern recht gut zu funktionieren. <\/p>\n<p>(Kleiner Hinweis am Rande: teilweise waren meine Themen schon sehr \u00e4hnlich, sprich es ging nicht direkt um Fl\u00fcchtlingsberichterstattung, aber beispielsweise um Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, speziell gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen. Es gab aber insgesamt mehrere Themen, bei denen die Tendenzanalyse als Kern von Sociality by Design eingesetzt wurde, und selbstverst\u00e4ndlich verbietet sich eine Analogiebildung bei zu weit voneinander entfernten Themen, die deshalb hier auch nicht erw\u00e4hnt worden sind.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man an einer neuen Methodik arbeitet, ist man wohl immer fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df die Idee sehr gut ist. 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