{"id":6053,"date":"2016-06-12T13:21:49","date_gmt":"2016-06-12T11:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=6053"},"modified":"2016-06-12T13:21:49","modified_gmt":"2016-06-12T11:21:49","slug":"idiotie-des-tages-gdl-chef-weselsky-bevorzugt-ahnungslos-vor-fuehrerlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2016\/06\/12\/idiotie-des-tages-gdl-chef-weselsky-bevorzugt-ahnungslos-vor-fuehrerlos\/","title":{"rendered":"Idiotie des Tages: GDL-Chef Weselsky bevorzugt &#8220;ahnungslos&#8221; vor &#8220;f\u00fchrerlos&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich k\u00f6nnte die Rubrik &#8220;Idiotie des Tages&#8221; mehrfach t\u00e4glich mit d\u00e4mlichen Ideen gef\u00fcttert werden, denn v\u00f6llig bekloppte Vorschl\u00e4ge rund um das Internet sind in Deutschland leider gang und g\u00e4be. Nach \u00fcber zehn Jahren der Analyse im Bereich Internet und Gesellschaft sind diese Defizite meines Erachtens klar kultureller und nicht nur oberfl\u00e4chlicher Natur und man k\u00f6nnte sich jetzt nat\u00fcrlich hinstellen und behaupten: da ist eh nix mehr zu machen, denn tief sitzende kulturelle Eigenschaften lassen sich nur schwer ver\u00e4ndern. Wahrscheinlich ist nichts schwieriger als ein kultureller Wandel. Und wir werden in Deutschland wohl nicht einmal ansatzweise einen Geist wie im Silicon Valley erleben, zumindest nicht in den n\u00e4chsten Jahren bis Jahrzehnten. Da steht viel zu viel ewiggestriger Unsinn davor. <\/p>\n<p>Aber trotzdem darf man manchen Quatsch einfach nicht unwidersprochen stehen lassen. Deshalb ist mein Fundst\u00fcck des Tages &#8211; ganz klar der heutige Sieger in einem Meer des Irrsinns &#8211; <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/gdl-chef-weselsky-der-traumberuf-lokfuehrer-geht-nicht-unter.1008.de.html?dram:article_id=356904\">ein Interview mit dem GDL-Chef Claus Weselsky<\/a>, welches mich gruseln l\u00e4\u00dft. Denn mit der Haltung, die Weselsky hier an den Tag legt, kann die Conclusio nur sein: dieser Mann bevorzugt &#8220;ahnungslos&#8221; ganz klar vor &#8220;f\u00fchrerlos&#8221;. Klar, er mu\u00df f\u00fcr &#8220;seine&#8221; Lokf\u00fchrer eintreten. Aber er erliegt demselben Fehler, dem auch andere Lobbyisten erliegen, deren Jobs (und die ihrer Anh\u00e4nger) durch die digitale Revolution herausgefordert werden: er verdammt die Digitalisierung. Genau das ist grundverkehrt.<\/p>\n<p>Denn ob man es nun mag oder nicht: Digitalisierung ist und bleibt eine Revolution. Man k\u00f6nnte sich genauso gut in den Regen stellen und bockig schreien: &#8220;Ich lehne diesen Regen ab!&#8221; Doch was interessierts den Regen? Wenn Digitalisierung nicht von uns gestaltet wird, dann von jemand anderem. Sie ist nun mal da &#8211; und sie wird auch da bleiben. Deshalb ist es goldrichtig, wenn Bahnchef R\u00fcdiger Grube soviel Digitalisierung wie nur m\u00f6glich auf die Agenda setzt. Auch und ganz besonders im Bereich autonomes Fahren bzw. f\u00fchrerlose Lok. Hier mu\u00df alles diskutiert, ausprobiert und vorangetrieben werden, was nur denkbar ist. Denn selbstverst\u00e4ndlich ist der Beruf des Lokf\u00fchrers schon heute weitestgehend \u00fcberfl\u00fcssig. Die Digitalisierung interessiert sich nicht f\u00fcr &#8220;Traumberufe&#8221;. Alte Berufe verschwinden &#8211; neue entstehen. Das ist nicht schlimm, das ist normal. <\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen autonome Systeme auf der Schiene bestehen &#8211; und tun dies bereits weltweit. Und genauso wie autonome Autos demn\u00e4chst Alltag sein werden, m\u00fcssen auch autonome Z\u00fcge letztlich als allt\u00e4glich betrachtet werden. Weselsky liegt v\u00f6llig falsch, wenn er davon spricht, da\u00df in einem Bahnnetz wie dem deutschen ein f\u00fchrerloser Zug quasi undenkbar sei:<\/p>\n<p>&#8220;Wenn jemand ein Gef\u00e4\u00df durch eine Tube schickt, wie das jetzt gerade versucht worden ist, dann braucht man bestimmt keinen Lokf\u00fchrer daf\u00fcr. Die w\u00fcrden sich auch langweilen auf dem F\u00fchrerstand. Aber wenn Sie ein Eisenbahnsystem haben wie unseres, wo Sie in einer offenen verlegten Schiene &#8230; Wenn Sie da durchs Land fahren und vor \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen wir uns gar nicht retten k\u00f6nnen, dann ist es eben was anderes, als wenn man in der Retorte auf einer Versuchsstrecke, in einer R\u00f6hre eine U-Bahn automatisch betreibt.&#8221;<\/p>\n<p>Das ist schon denklogisch v\u00f6lliger Unsinn, denn autonome PKWs werden dank fantastischer Programmierleistungen &#8211; in einem ungleich schwierigeren Umfeld &#8211; immer besser und schaffen immer komplexere Fahrleistungen &#8211; warum sollte es dann ausgerechnet bei einem schienengebundenen System dauerhaft anders sein? Gerade ein solches System ist pr\u00e4destiniert f\u00fcr Autonomie. <\/p>\n<p>Kleiner Gag am Rande: Weselsky gibt sogar zu, da\u00df autonomes Autofahren funktionieren kann &#8230;<\/p>\n<p>&#8220;Na, das ist ja das Nette, der Vorstandsvorsitzende hat immer mal solche Ideen. Da setzt er sich in ein Google-Auto und l\u00e4sst sich von irgendjemand aus Silicon Valley erkl\u00e4ren, dass das dann vollautomatisch f\u00e4hrt. Dass das vollautomatisch fahren kann, bestreitet ja niemand, ich stelle mir nur die Frage, was wir dann auf der Autobahn machen, wenn alle Autos vollautomatisch gesteuert sind.&#8221;<\/p>\n<p>Nur weil er sich das nicht vorstellen kann, hei\u00dft es ja nicht, da\u00df da nichts geht. Aber wahrscheinlich soll dieses Interview vor allem besonders k\u00e4mpferisch wirken. Nun ja, auf mich wirkt es gr\u00f6\u00dftenteils leider nur v\u00f6llig absurd. Besonders an Stellen wie dieser:<\/p>\n<p>&#8220;Das kommt dann vielleicht zu dem Gag, den schon mal ein Verkehrsminister losgelassen hat: Wir kuppeln dann alle Lkws aneinander an einer gro\u00dfen Stange, und dann fahren wir auf der rechten Spur der Autobahn, die ist dann f\u00fcr Pkws nicht mehr frei.&#8221;<\/p>\n<p>Ich vermute mal, Weselsky meint eine <a href=\"http:\/\/www.volkswagenag.com\/content\/vwcorp\/info_center\/de\/themes\/2016\/04\/Guetertransport_der_Zukunft.html\">digitale Kopplung<\/a>. Eine &#8220;gro\u00dfe Stange&#8221; sucht man hier aber vergeblich &#8230;<\/p>\n<p>Worum es ihm schlie\u00dflich auf der Metaebene geht, das erkennt man dann sehr gut an dieser Stelle:<\/p>\n<p>&#8220;Und deswegen habe ich die Bundesregierung mit unserer Pressemitteilung gestern aufgefordert, endlich mal in ihrer Eigenschaft als Eigent\u00fcmer die Kontrolle zu \u00fcbernehmen, dem Management klare Weisungen zu erteilen und als Erstes die Infrastruktur zu ert\u00fcchtigen, damit wir p\u00fcnktlich sind, damit wir zuverl\u00e4ssig sind \u2013 was wir fr\u00fcher \u00fcbrigens immer waren. Die Eisenbahn fuhr bei Wind und Wetter. Heute sind wir die Ersten, die an den Rand fahren, wenn ein Sturm kommt.&#8221;<\/p>\n<p>Welche Bahn meint er damit? Die westdeutsche Bundesbahn, die in Sachen Leistungsf\u00e4higkeit, Service, Kundenorientierung und Flexibilit\u00e4t schlicht ein Sanierungsfall (vulgo: Witz) war? Oder die Reichsbahn der DDR, die &#8230; okay, lassen wir das. <\/p>\n<p>Das Zauberwort in diesem Zitat lautet &#8220;fr\u00fcher&#8221;. &#8220;Fr\u00fcher&#8221;, da war nat\u00fcrlich alles besser. Da fuhr die Bahn noch und war sogar p\u00fcnktlich. &#8220;Fr\u00fcher&#8221;, da befindet sich Weselsky in bester Gesellschaft vieler \u00e4hnlich F\u00fchlender &#8211; fr\u00fcher, da w\u00fcrden die Anderen jetzt so richtig aufdrehen: da waren die Stra\u00dfen noch sicher, die Kriminalit\u00e4t niedrig und waren M\u00e4nner waren noch echte &#8230; halt! Denken Sie, was ich denke? Richtig: Dieses &#8220;Fr\u00fcher&#8221;, das ist genau das Problem. Denn erstens gibt es dieses &#8220;Fr\u00fcher&#8221; nur in der Phantasie einiger Ewiggestriger und zweitens ist nichts unwichtiger f\u00fcr die Gestaltung der Zukunft als eine realit\u00e4tsblinde Fokussierung auf die (imagin\u00e4re!) Vergangenheit. Mit den Methoden von gestern werden wir heute nicht &#8211; und erst recht nicht morgen &#8211; weiterkommen. Werden in Zukunft weniger Lokf\u00fchrer gebraucht? Aber selbstverst\u00e4ndlich! Ist das schlimm? Keineswegs! Denn die Welt hat bisher noch jeden Innovationsschub \u00fcberlebt und das wird auch in Zukunft so sein. Wenn &#8211; ja: wenn wir gemeinsam versuchen, diesen Wandel zu gestalten und nicht, ihn abzuwehren. Das ist das mit Abstand D\u00fcmmste, was man machen kann. Wer auf verantwortungsvollem Posten sitzt und sich der digitalen Realit\u00e4t verweigert, setzt nicht nur seine eigene krude Weltsicht durch, sondern schadet auch zahlreichen anderen Menschen ganz konkret. Man zeigt ihnen nicht nur den falschen Weg, man beschreitet ihn auch noch. Im Falle der Bahn k\u00f6nnte man sagen: man landet zielsicher auf dem Abstellgleis.<\/p>\n<p>Und das ist, auch wenn es hart klingen mag, letztlich doch einfach nur idiotisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich k\u00f6nnte die Rubrik &#8220;Idiotie des Tages&#8221; mehrfach t\u00e4glich mit d\u00e4mlichen Ideen gef\u00fcttert werden, denn v\u00f6llig bekloppte Vorschl\u00e4ge rund um das Internet sind in Deutschland leider gang und g\u00e4be. Nach &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6053","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6053"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6053\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}