{"id":5903,"date":"2016-03-06T17:25:07","date_gmt":"2016-03-06T16:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5903"},"modified":"2016-03-05T14:30:05","modified_gmt":"2016-03-05T13:30:05","slug":"kommentarbereichssperrungen-das-falsche-einknicken-zahlreicher-onlinemedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2016\/03\/06\/kommentarbereichssperrungen-das-falsche-einknicken-zahlreicher-onlinemedien\/","title":{"rendered":"Kommentarbereichssperrungen: das falsche Einknicken zahlreicher Onlinemedien"},"content":{"rendered":"<p>Was war zuerst? Huhn oder Ei? Diese Frage stellt sich auch, wenn man die Kommentarbereiche zahlreicher Onlinemedien anschaut &#8211; oder besser gesagt: <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2016\/03\/01\/ueberfordert-vom-leser-hass-zeitungsredaktionen-schraenken-kommentarfunktion-ein\/\">das, was von ihnen noch \u00fcbrig ist<\/a>. Seitdem auch die &#8220;Welt&#8221; nur noch unter &#8220;ausgew\u00e4hlten Artikeln&#8221; Kommentare zul\u00e4sst, fehlt mir zwar ein wichtiges Element meiner bisherigen Medienanalyse &#8211; aber zugleich wird auch sehr deutlich, wie fragil eine solche Analyse ist und wie grob (<a href=\"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5887\">&#8220;Eher ja\/eher nein&#8221;<\/a>) sie wohl auch in ihrer Aussagekraft nur sein kann. <\/p>\n<p>Denn es ist sehr viel Bewegung drin: in der Debatte, was man l\u00f6scht und was nicht, in der Debatte, wie man l\u00f6scht (automatisiert, per Hand oder beides &#8211; oder gar nicht), in der Debatte, was man zul\u00e4sst und was nicht (l\u00e4sst man vieles zu: ggf. juristische Probleme, Trolle, \u00c4rger &#8211; l\u00e4sst man wenig oder gar nix zu: ggf. Abwanderung der LeserInnen zu &#8220;alternativen Medien&#8221;, Shitstorm, \u00c4rger). Bewegung macht es spannend, l\u00e4\u00dft aber eben auch nur sehr vage Aussagen zu (oder sehr grobe Einteilungen, s.o.). Ein valides Modell l\u00e4\u00dft sich so nicht entwickeln, da sich die Rahmenbedingungen oftmals so schnell und stark \u00e4ndern, da\u00df man seine Arbeit gleich wieder einstellen kann, noch bevor man einen Schritt weiter gekommen ist. Das war aber absehbar (Digitalisierung = Tempo), weshalb ich bei allzu euphorischen Analysetools immer skeptisch bin. Zu viele Versprechungen auf der Detailebene, das kann oftmals nicht funktionieren. Wer heute meint, <em>den einen<\/em> Weg zur Meinungsanalyse gefunden zu haben, kann schon morgen denselben versperrt vorfinden. Zu viel hat sich in der Vergangenheit ge\u00e4ndert, zu wenig blieb stabil. Meine Prognose in Sachen AfD (siehe <a href=\"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5887\">hier<\/a>) bleibt allerdings bestehen. Daf\u00fcr waren die Erlebnisse der letzten Monate zu intensiv. So schnell wird die Meinung (&#8220;pro AfD&#8221;) bei zahlreichen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern nicht mehr drehen. Wir werden es am 13. M\u00e4rz erleben.<\/p>\n<p>Doch warum ist das so? Sprich: wie kommt es eigentlich zu dieser Meinung &#8220;pro AfD&#8221;, was sind die Gr\u00fcnde? Das f\u00fchrt uns zur\u00fcck zu der Huhn-oder-Ei-Frage zu Beginn dieses Textes, denn: was war eigentlich zuerst da? Eine Stimmung pro AfD, die nur digital sichtbar wurde? Oder f\u00fchrte die Digitalisierung erst zur AfD-Stimmung? Pr\u00e4gen Menschen das Digitale oder pr\u00e4gt das Digitale die Menschen?<\/p>\n<p>Ich sehe die digitalen M\u00f6glichkeiten nicht als Ursache. Es wurde sichtbar, was ohnehin da ist &#8211; es entstand jedoch nichts, woran die Digitalisierung nun <em>die<\/em> Schuld tr\u00e4gt. Denn wenn jemand \u00fcberzeugt oder gar radikalisiert werden kann, muss er daf\u00fcr auch offen, empf\u00e4nglich, bereit sein. Allerh\u00f6chstens tragen (digitale) Massenmedien somit einen Beitrag zur \u00dcberzeugung der <em>Unentschlossenen<\/em> bei. Mein Eindruck in den letzten Monaten war jedoch bei diesem Thema, da\u00df Digitalisierung all denjenigen, die schon l\u00e4ngst \u00fcberzeugt sind, schlicht &#8211; &#8220;endlich&#8221;, so schienen viele zu meinen &#8211; ein Forum bietet. Denn die Aussagen waren oftmals so unzweideutig, hart, kompromisslos, undiplomatisch und glasklar, dass ich hier nicht den Eindruck gewinnen konnte, einigen Unentschlossenen beim &#8220;Werden&#8221; zuzuschauen. Die Mehrheit <em>wurde<\/em> nicht, sondern <em>war<\/em> bereits.<\/p>\n<p>Deshalb ergibt es jetzt auch keinen Sinn, durch Sperrungen von Kommentierungsm\u00f6glichkeiten oder das Ausweichen auf Facebook (&#8220;Sollen sie dort kommentieren, dann ist der Hass Facebooks Problem&#8221;) die Hoffnung zu sch\u00fcren, Dinge w\u00fcrden besser (= weniger negativ im mannigfaltigen Sinne der Onlinemedien\/Kommentarbereichsbetreiber) werden. Denn erstens gibt es wie gesagt Alternativen &#8211; selbst zu Facebook (siehe dazu bspw. <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/russisches-netzwerk-vk-com-sammelbecken-fuer-facebook-hetzer.862.de.html?dram:article_id=345343\">&#8220;Russisches Netzwerk VK.com: Sammelbecken f\u00fcr Facebook-Hetzer&#8221;<\/a>). Und zweitens liegen die Ursachen eben nicht in den digitalen M\u00f6glichkeiten, sondern in den K\u00f6pfen der Menschen. Und da bleiben letztlich nur zwei Aspekte \u00fcbrig, die hier ausschlaggebend sind: entweder wir haben es in Sachen &#8220;Pro AfD&#8221; mit einem entsprechend gro\u00dfen Anteil glasklarer Rechtspopulisten, ihren Fans, Unterst\u00fctzern und Sympathisanten zu tun, denen die &#8220;Wahrheit&#8221; schlicht egal ist und f\u00fcr die nur der Transport ihrer Ideologie wichtig ist &#8211; auch, um Unentschlossene zu \u00fcberzeugen und ins Boot zu holen. Oder wir haben tats\u00e4chlich eine nicht nur marginale Masse an Menschen in der Bev\u00f6lkerung, die in der AfD den einzigen Ausweg aus einer ihrer Meinung nach grundfalschen Politik sehen und denen es somit um die &#8220;Wahrheit&#8221; geht, f\u00fcr die die AfD als Symbol ihres Widerspruches gew\u00e4hlt wird &#8211; Rechte in der Partei oder ihrem Umfeld hin oder her.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Medienanalyse ist es jedoch v\u00f6llig egal, welcher dieser beiden Aspekte nun gilt. Klar und deutlich bleibt auf jeden Fall: das Digitale ist hier nicht der Grund f\u00fcr diese Entwicklung. Es wird sich nichts in den K\u00f6pfen \u00e4ndern, nur weil man Kommentarbereiche schlie\u00dft. Wenn es ganz schlecht l\u00e4uft, beh\u00fctet man so nicht einmal mehr die Unentschlossenen, denn die finden heutzutage ohnehin, was sie suchen &#8211; Stichwort VK.com. Auch in diesem Falle muss also ein souver\u00e4ner Umgang mit den digitalen M\u00f6glichkeiten her. So unbeliebt das in Deutschland auch sein mag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war zuerst? Huhn oder Ei? Diese Frage stellt sich auch, wenn man die Kommentarbereiche zahlreicher Onlinemedien anschaut &#8211; oder besser gesagt: das, was von ihnen noch \u00fcbrig ist. 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