{"id":5601,"date":"2015-07-26T18:46:41","date_gmt":"2015-07-26T16:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=5601"},"modified":"2015-07-26T18:54:11","modified_gmt":"2015-07-26T16:54:11","slug":"ungleichheit-auf-gar-keinen-fall-disharmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2015\/07\/26\/ungleichheit-auf-gar-keinen-fall-disharmonie\/","title":{"rendered":"(Un)Gleichheit: Auf gar keinen Fall Disharmonie!"},"content":{"rendered":"<p>Ich lese im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit dankenswerterweise sehr viel Gutes, aber manchmal erfreuen einen einzelne Beitr\u00e4ge doch ganz besonders. Dazu geh\u00f6rt diesmal folgendes Interview mit der Kollegin Irmhild Saake in der FAZ: <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/soziologin-irmhild-saake-im-interview-ueber-ungleichheit-13709235.html?printPagedArticle=true\">&#8220;Soziologie: Unterschied, was ist das?&#8221;<\/a><\/p>\n<p>Es geht dabei prim\u00e4r nicht um etwas Digitales, sondern um Ungleichheit. Das jedoch ist ein Thema, welches mir in meiner Arbeit andauernd begegnet und deshalb auch eine entsprechende Relevanz f\u00fcr die Analyse und Bew\u00e4ltigung des Digitalen hat. Da mir das gesamte Interview sehr gut gef\u00e4llt und ich Ihnen nat\u00fcrlich auch nicht alles hier in allen Einzelheiten kommentiert darstellen m\u00f6chte (da das sicherlich ein wenig zu aufdringlich w\u00e4re), werde ich jetzt nur einige wenige Aspekte herauspicken, um meine Gedanken zum Thema zu illustrieren:<\/p>\n<p><em>&#8220;Es ist f\u00fcr meine Studenten etwa so, dass sie es schon als komisch empfinden, dass sich am Ende einer Diskussion ein gutes Argument durchsetzt.<\/p>\n<p>Weil sie nicht glauben k\u00f6nnen, dass nur eins richtig sein kann?<\/p>\n<p>Ja, wenn ich es jetzt mal ein wenig \u00fcbertreiben darf, dann haben sie sozusagen Mitleid mit den ausgeschlossenen Argumenten. Sie fordern Gleichheit auch f\u00fcr Argumente, Anerkennung auch f\u00fcr andere Positionen. Das macht eine klare wissenschaftliche Argumentation schwierig. Man kann nicht mehr so recht sagen, dass man eine wirklich unsinnige Behauptung f\u00fcr Quatsch h\u00e4lt. Es ist eher die Idee da, dass irgendetwas Gutes schon auch in dem Quatsch drin stecken wird.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Dieses Erlebnis habe ich auch des\u00f6fteren, jedoch mindestens genau so oft mit Nicht-Studierenden wie mit Studierenden. Der Gedanke, da\u00df der andere richtig liegt (und man selbst falsch) scheint f\u00fcr viele Menschen sehr schwierig zu sein. Lieber haben wir alle irgendwie auch recht, so mein Eindruck. Das ist nat\u00fcrlich, wie die Kollegin sagt, manchmal schlicht unm\u00f6glich, denn mancher Quatsch ist einfach Quatsch &#8211; egal, wie man ihn dreht und wendet. Aber wenn wir alle so harmonisch gestimmt sind, bleiben b\u00f6se Konflikte auf der Strecke. Die Wahrheit allerdings auch. Dies bekr\u00e4ftigt Irmhild Saake wenig sp\u00e4ter:<\/p>\n<p><em>&#8220;Viele sagen lieber: Das Argument ist nicht so wichtig, ich m\u00f6chte lieber Akzeptanz und Anerkennung f\u00fcr den anderen zeigen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Das ist aber nicht nur eine gef\u00e4hrliche Idee der Menschen, die so vorgehen, sondern auch unn\u00f6tig. Nur weil der andere mal richtig liegt, bin ich ja kein schlechter Mensch oder mu\u00df ich mich f\u00fcr irgendetwas sch\u00e4men oder gar unterlegen f\u00fchlen. Eine gute Diskussion\/ein guter Disput h\u00e4lt &#8220;Sieg&#8221; und &#8220;Niederlage&#8221; problemlos aus &#8211; genauer: die jeweiligen Diskutanten k\u00f6nnen (und sollten) dies aushalten. Wenn ich mich mit Kolleginnen und Kollegen im besten Sinne gestritten habe, waren die Auseinandersetzungen die besten, aus denen sie genauso wie ich jeweils gleich gut als Sieger bzw. Verlierer herausgehen konnten, wohl wissend, da\u00df die Argumente (des anderen) diesmal die besseren waren und man einfach eine faire Auseinandersetzung hatte. Wer beim Fu\u00dfball 5:1 gewinnt, mu\u00df sich nachher ja auch nicht k\u00fcnstlich klein machen. Ein fairer Sieger, der gern auch seinen Sieg benennen kann, ist schon entgegenkommend genug.<\/p>\n<p><em>&#8220;Wir erleben verschiedene Perspektiven, wollen das aber nicht, wollen das heilen, in dem wir so tun, als seien wir gleich. Mit Sprache und durch Hineinversetzen. Das Komische ist, dass wir einfach nicht auf die Idee kommen, dass die Situation eine ungleiche, asymmetrische ist. Der Vater ist etwas anders als das Kind, eine andere Person, er hat aber auch einen anderen Status. Diese Ungleichheit ist eigentlich eine Ressource, man k\u00f6nnte sie benutzen in einem Konflikt. Aber wir wollen sie nicht nutzen, ganz explizit nicht. Denn sie erscheint uns h\u00e4sslich.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ungleichheit ist in einer so homogenen Gesellschaft wie der deutschen oft &#8220;h\u00e4sslich&#8221;, das stimmt. Man sieht weniger die Vorteile, die sich einem bieten (z.B. aus der verlorenen Debatte neue Erkenntnisse zu ziehen und daran zu wachsen) als vielmehr die Nachteile: Sieger und Verlierer, &#8220;Gut&#8221; und &#8220;B\u00f6se&#8221;, &#8220;besser&#8221; und &#8220;schlechter&#8221;. Solche Gef\u00e4lle st\u00f6ren die Harmonie. Dabei ist der Gewinn f\u00fcr einen selbst (auch und gerade im Falle der &#8220;Niederlage&#8221;) definitiv h\u00f6her als unreflektierte Gleichmacherei. Das gilt auch in Beziehungen:<\/p>\n<p><em>&#8220;Es ist doch erwartbar so, dass die Frau mehrere Monate ausf\u00e4llt im Beruf, weil sie das Kind bekommt. Aber in vielen Beziehungen wird richtig Buch gef\u00fchrt. Da muss man sich erkl\u00e4ren und sagen: Du verdienst in dieser Zeit kein Geld. Ich bezahl jetzt mehr. Wenn ich dann mal nicht so viel habe, kannst Du wieder mehr bezahlen. Da fragt man sich: Wof\u00fcr ist denn die Idee von einer Partnerschaft eigentlich gemacht? Kann sie diese Asymmetrie nicht mehr aushalten?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wenn der Wunsch nach Gleichheit in unreflektierter Gleichmacherei ausartet, bleiben viele (bessere und wichtigere) Dinge auf der Strecke. Deshalb mein Tipp: das Interview in G\u00e4nze lesen und lieber einmal zuviel als zuwenig dar\u00fcber nachdenken, ob sich Ungleichheit nicht doch manchmal mehr lohnt &#8211; auch f\u00fcr einen selbst &#8211; als der Wunsch, alles gleich zu machen und damit willkommene Effekte der Ungleichheit &#8220;wegzub\u00fcgeln&#8221;.<\/p>\n<p>Was das nun im \u00dcbrigen konkret mit Digitalisierung zu tun hat? Nun, mir fiel zuerst die Architektur des <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/dieter-nuhr-ueber-shitstorms-digitales-mittelalter-13706268.html\">Shitstorms<\/a> ein. Aber das d\u00fcrfte freilich nicht der einzige Bezugspunkt sein, wenngleich doch sicher einer der wichtigsten. Das Thema hat zweifellos Potential.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lese im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit dankenswerterweise sehr viel Gutes, aber manchmal erfreuen einen einzelne Beitr\u00e4ge doch ganz besonders. 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