{"id":4174,"date":"2013-07-12T13:04:47","date_gmt":"2013-07-12T11:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=4174"},"modified":"2013-07-12T13:11:59","modified_gmt":"2013-07-12T11:11:59","slug":"prism-hilft-den-piraten-nicht-naturlich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2013\/07\/12\/prism-hilft-den-piraten-nicht-naturlich-nicht\/","title":{"rendered":"PRISM hilft den Piraten nicht? Nat\u00fcrlich nicht!"},"content":{"rendered":"<p>Warum sollte es auch? Es \u00e4ndert ja an ihrem Kernproblem, dem Nerdismus, nichts. Und dieser l\u00e4\u00dft sich leicht erkl\u00e4ren: Nach der \u00dcberzeugung nicht weniger Kolleginnen und Kollegen verh\u00e4lt es sich mit dem Nerdismus wie mit jedem anderen f\u00fchrenden Teilsystem einer Lebenswelt: wenn dieses Teilsystem inhaltlich die Lebenswelt dominiert, &#8220;f\u00e4rbt&#8221; es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mehr oder weniger stark auf andere Teilsysteme ab. Zu beobachten ist dies gesellschaftlich sehr gut am Beispiel der \u00d6konomie. Auch der Proze\u00df der \u00d6konomisierung durchdringt alle anderen Lebensbereiche &#8211; mit den teilweise weithin sichtbaren und wohlbekannten Folgen, beispielsweise an den Universit\u00e4ten (Stichworte hier: Zeitvertr\u00e4ge, halbe Stellen, Drittmittelakquise, &#8230;) Der linke Emeritus Elmar Altvater widmet sich seit langer Zeit der Globalisierung. Seine Definition der \u00d6konomisierung als &#8220;Unterwerfung sozialer, politischer und nat\u00fcrlicher Verh\u00e4ltnisse unter das \u00f6konomische Prinzip&#8221; (siehe dieses <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts841\/ts841_1.pdf\">Exzerpt<\/a>) erscheint hier entsprechend passend. Bei der Nerdisierung einer individuellen Lebenswelt scheint dies \u00e4hnlich abzulaufen: der Dreh- und Angelpunkt des Lebens, das Nerd-Sein, beeinflu\u00dft alle anderen Lebensbereiche &#8211; mal positiv, mal negativ. Im sozialen Sinne, so meine Einsch\u00e4tzung, hat dies meist negative Folgen.<\/p>\n<p>Das ist letztlich kaum \u00fcberraschend, denn nehmen wir einfach mal das keineswegs unrealistische Beispiel eines SAP-Angestellten: Programmierer, 100.000 EUR brutto pro Jahr, gefeiert f\u00fcr seine Erfolge mit seinem Team, weltweit gefragt, absolut sicherer Job und gl\u00e4nzende Zukunftsaussichten. Dank SAP-Job ein Einfamilienhaus im Gr\u00fcnen, zwei Autos, gl\u00fcckliche Familie. Ist dann nicht <em>automatisch alles<\/em> in Butter? Beruflich: sieht so aus. Sozial (wenn man es mit &#8220;beruflich&#8221; koppelt oder gar gleichsetzt): sieht ebenfalls so aus. Insgesamt: Nat\u00fcrlich nicht. Denn \u00e4hnlich dachten fr\u00fcher auch V\u00e4ter, die zwar ihre Kinder verpr\u00fcgelten, aber letztlich f\u00fcr einen vollen K\u00fchlschrank sorgten. &#8220;Das Kind ist gesund, satt und geht zur Schule &#8211; ist doch alles okay, oder?&#8221; &#8220;Mir haben die Pr\u00fcgel schlie\u00dflich auch nicht geschadet, ist ja auch was aus mir geworden&#8221; usw. usf. &#8211; die Floskeln d\u00fcrften hinl\u00e4nglich bekannt sein. <\/p>\n<p>Zugegeben, das ist ein drastisches Beispiel. Aber es soll der unzweideutigen Illustration dienen und klarmachen: ein voller K\u00fchlschrank und ein Dach \u00fcber dem Kopf sind eben nicht alles. Schon ein in Mitleidenschaft gezogenes Teilsystem kann die Erfolge in allen anderen Bereichen tr\u00fcben &#8211; oder umgekehrt: ein besonders erfolgreiches Teilsystem reicht eben nicht aus, um alle anderen automatisch ausreichend positiv zu beeinflussen. Der Volksmund w\u00fcrde dazu wohl beispielhaft sagen: Liebe kann man nicht kaufen. Viele beruflich au\u00dferordentlich erfolgreiche V\u00e4ter und M\u00fctter kennen diesen Satz wohl sehr gut.<\/p>\n<p>Das ist in Bezug auf Piraten alles Unsinn? Die Nerds geben gar nicht den Ton an bei den Piraten, da gibt es ausreichend viele Alternativkr\u00e4fte? Abgesehen davon, da\u00df ich das stark bezweifeln w\u00fcrde: das sehen die (in diesem Falle extrem wichtigen) Medien ebenfalls anders. Dazu SPIEGEL ONLINE:<\/p>\n<p>&#8220;Doch die Piraten wissen selbst nicht, wer sie sein wollen. Sind sie die Spa\u00dfpartei, die an Flugh\u00e4fen Flashmobs organisiert, um einen imagin\u00e4ren Snowden vom Gate abzuholen? Oder sind sie die Neoseri\u00f6sen, die in gestanztem Polit-Sprech offene Briefe an Angela Merkel schreiben? <em>Ein beunruhigend gro\u00dfer Teil scheint zudem lieber einem Club der Verschw\u00f6rungstheoretiker angeh\u00f6ren zu wollen. In einigen Statements liest sich das Weltbild von Piraten so simpel wie unreflektiert: Snowden ist ein Held. Die Bundesregierung l\u00fcgt. Geheimdienste sind b\u00f6se.<\/em> Eine pure Anti-Haltung wird nicht reichen, um eine Wahl zu gewinnen. Auch m\u00f6gen die Piraten mehr netzaffine Leute vereinen als alle anderen Parteien zusammen. Doch <em>&#8220;das Internet&#8221; haben sie damit nicht gepachtet.<\/em> Die Netzszene be\u00e4ugt die Partei schon l\u00e4nger skeptisch. Und wirklich \u00fcberzeugende Argumente, warum die Piraten von innerer Sicherheit und dem Geflecht von Geheimdiensten mehr Ahnung haben sollen als Gr\u00fcne, SPD oder FDP hat die Partei bislang nicht geliefert.&#8221;<\/p>\n<p><em>(Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/nsa-affaere-auch-snowden-hilft-piraten-nicht-a-910157.html\">spiegel.de<\/a>; hervorgehoben sind die Nerd-Komponenten)<\/em><\/p>\n<p>Dagegen k\u00f6nnte man einwenden, da\u00df dies nur Einzelstimmen seien, die Wirklichkeit (aus Piraten-Sicht) anders aussieht usw. usf. &#8211; nur sieht die Wirklichkeit (d.h. die Welt nicht nur aus Piraten-Sicht) eben nicht anders aus, denn sie ist stark mediengepr\u00e4gt und die Medienanalyse, die ich betreibe, kommt zu keinem anderen Ergebnis. Wenn die Medien dieses Bild immer und immer wieder vermitteln und es nicht auf fixen Ideen, sondern auf plausiblen Beobachtungen besteht, handelt es sich wohl nicht um eine Kampagne gegen die Piraten, sondern um legitime Zustandsbeschreibungen, die wiederum das Bild in der \u00d6ffentlichkeit entsprechend pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum, die Piraten kleinzuschreiben. Darum geht es nie. Ich w\u00e4re der Letzte, der Verbesserungen des Verh\u00e4ltnisses Mensch &#8211; Digitalisierung kritisieren w\u00fcrde, denn ich fordere sie ja gerade von der politischen Ebene st\u00e4ndig. Wenn die Piraten dazu beitragen k\u00f6nnten: wunderbar. Aber die Piraten tragen einfach zu wenig dazu bei. Die Nerdkultur ist kein Vorbild f\u00fcr die Menschen, an dem sie sich orientieren m\u00f6chten. Man kann dies allein schon an den Wahlergebnissen der j\u00fcngeren Vergangenheit sowie den aktuellen Prognosen f\u00fcr die Bundestagswahl gut erkennen: Nerdchaos wird abgestraft. Allein die vielen Streitereien sind nicht nur Zeichen mangelnder Sozialkompetenz, sondern tragen auch nahezu nichts zur L\u00f6sung von dr\u00e4ngenden sozio-technischen Problemen bei. Es geht letztlich immer wieder nur um die eigene Nerdkultur, auf die sich viele Piraten gern zur\u00fcckziehen:<\/p>\n<p>&#8220;Popcorn! rufen dann Piraten-Anh\u00e4nger im Netz und freuen sich \u00fcber ihren eigenen Unterhaltungswert. Man w\u00fcrde meinen, die Piraten haben aus ihren zahlreichen \u00f6ffentlich ausgetragenen Peinlichkeiten Lehren gezogen. Das haben sie nicht.<\/p>\n<p>Es interessiert nur kaum noch jemanden.&#8221;<\/p>\n<p><em>(a.a.O.)<\/em><\/p>\n<p>Und das ist &#8211; da wiederhole ich mich ebenfalls gern &#8211; schade.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum sollte es auch? Es \u00e4ndert ja an ihrem Kernproblem, dem Nerdismus, nichts. 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