{"id":24059,"date":"2026-06-04T17:35:10","date_gmt":"2026-06-04T15:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=24059"},"modified":"2026-06-04T17:35:10","modified_gmt":"2026-06-04T15:35:10","slug":"ard-doku-wm-1994-elf-helden-ein-alptraum-berti-vogts-und-eine-spaete-form-der-fairness","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2026\/06\/04\/ard-doku-wm-1994-elf-helden-ein-alptraum-berti-vogts-und-eine-spaete-form-der-fairness\/","title":{"rendered":"ARD-Doku &#8220;WM 1994 &#8211; Elf Helden, ein Alptraum&#8221;: Berti Vogts und eine sp\u00e4te Form der Fairness"},"content":{"rendered":"<p>Die ARD-Dokumentation <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elf_Helden_%E2%80%93_Ein_Albtraum\">\u201eWM 1994 \u2013 Elf Helden, ein Albtraum\u201c<\/a> hat mich tief ber\u00fchrt. Erwartet hatte ich eine gut gemachte Fu\u00dfballr\u00fcckschau \u00fcber ein gescheitertes Turnier, den Effenberg-Finger, Lagerkoller und Eskapaden (Golf! Selbstmarketing! Ehefrauen!) in den USA, alte DFB-Geschichten und ein wenig Neunzigerjahre-Folklore \u2013 f\u00fcr mich medienanalytisch also interessant, sportsoziologisch ebenfalls. Bekommen habe ich auch das \u2013 aber eben nicht nur. Es war mehr. So viel mehr. Und das ist auch sehr, sehr gut so.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Besonders stark ist die Doku dort, wo sie Berti Vogts eben nicht als Witzfigur behandelt, so wie fr\u00fcher durchaus \u00fcblich, sondern realistisch und klar als Mann, der pers\u00f6nlich unter massivem \u00f6ffentlichem Druck stand, medial oft \u00e4u\u00dferst unfair verkleinert wurde \u2013 interessant: die Entschuldigungsversuche einiger Beteiligter in der Doku &#8211; und am Ende dennoch aufrecht bleibt. Man muss Vogts nicht idealisieren und schon gar nicht nachtr\u00e4glich heiligsprechen, man muss ihn noch nicht einmal m\u00f6gen. Er war Bundestrainer, keine macht- und namenlose Privatperson. Kritik an ihm war erlaubt, teilweise sicher auch sehr berechtigt, und er gab selbst Fehler zu. Aber zwischen (berechtigter) Kritik und L\u00e4cherlichmachen liegt ein entscheidender Unterschied.<\/p>\n<p>Die 1990er waren noch voll von einem \u201eHumor\u201c, der nicht immer, aber zu oft nach unten trat und sich anschlie\u00dfend als Robustheit, Lockerheit oder \u201eso war das damals eben\u201c tarnte. Gerade dieses \u201edamals eben\u201c ist f\u00fcr mich keine Entlastung, sondern Teil des Problems. Schon damals war erkennbar, wann jemand nicht mit jemandem lachte, sondern \u00fcber jemanden. Daf\u00fcr musste man kein Analyst oder Sozialwissenschaftler sein, um das zu sehen. Das konnte man klar und deutlich erkennen, wenn man nur wollte \u2013 ein Blick auf den Sachverhalt und etwas Empathie reichten. Ich fand diese Art von \u201eHumor\u201c &#8211; sorry f\u00fcr die Ausdrucksweise! &#8211; immer zum Kotzen. Die BILD-Zeitung wird \u00fcbrigens in dieser Hinsicht nicht geschont, was der Doku ebenfalls hoch anzurechnen ist. Stichworte hier: <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/kultur\/kino-tv\/ard-doku-greift-franz-beckenbauer-scharf-an-erfreute-sich-daran-berti-kleinzumachen_f15b6668-0599-48e4-8027-494415ab3834.html\">Matth\u00e4us und Beckenbauer<\/a>.<\/p>\n<p>In diesem Licht wirkt Vogts am Ende der Doku, die \u00fcberraschenderweise auch nicht mit der Niederlage 1994, sondern mit dem Sieg 1996 endet, bemerkenswert: fair, nicht verbittert, ungebeugt. Eine echte Fu\u00dfballlegende, nicht im glamour\u00f6sen, sondern im verdienstvollen Sinn. Einer, der aufrecht stehen blieb, als andere ihn l\u00e4ngst zur Pointe gemacht hatten. Einer, der im \u00dcbrigen unterm Strich als Turniersieger genauso erfolgreich war wie der, der ihn tats\u00e4chlich, so die Doku, vor der versammelten Presse eine \u201ePfeife\u201c nannte: Franz Beckenbauer. Nebenbei: Auch der \u201eKaiser\u201c brauchte drei Turniere bis zu einem Endspielsieg. Beckenbauer, der uneingeschr\u00e4nkte Held, und Vogts, die ewige Pfeife? Das kann man so sehen, wenn man wirklich keinerlei Lust auf Realit\u00e4t hat(te).<\/p>\n<p>Dass Stefan Raabs damaliger Humor (\u201eB\u00f6\u00f6rti B\u00f6\u00f6rti Vogts\u201c) bei mir nie gez\u00fcndet hat, wurde durch diese R\u00fcckschau nur nochmal klarer. Neben dem Umgang mit Vogts bleibt der Fall Lisa Loch f\u00fcr mich ein besonders unangenehmes Beispiel daf\u00fcr, wie Unterhaltung Menschen zur verwertbaren Pointe machen konnte. Die juristische Einordnung ist gut dokumentiert; die Zusammenfassung bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lisa_Loch\">Wikipedia<\/a> bringt den Skandal pr\u00e4zise auf den Punkt:<\/p>\n<p>\u201eDas Gericht urteilte, Raab habe durch die \u00f6ffentliche Verunglimpfung der Sch\u00fclerin ihr Pers\u00f6nlichkeitsrecht schwer verletzt. Satire k\u00f6nne einen beachtlichen Freiraum beanspruchen, d\u00fcrfe eine Person aber nicht im Kernbereich privater Lebensgestaltung verletzen, hie\u00df es. Dabei sei vor allem zu ber\u00fccksichtigen gewesen, dass die Kl\u00e4gerin bei der Ausstrahlung der Sendungen noch minderj\u00e4hrig gewesen sei. Eine Revision durch den Bundesgerichtshof wurde nicht zugelassen. Raab selbst hat sich laut einem Medienbericht von 2015 bei Lisa Loch nicht entschuldigt.\u201c<\/p>\n<p>Die Doku leistet insgesamt wesentlich mehr als nur Nostalgiepr\u00e4sentation und wohlige Erinnerung an die eigene Jugend in den (im Vergleich zu heute au\u00dferordentlich ambivalent erscheinenden) 90ern. Sie zeigt Fu\u00dfballgeschichte, Mediengeschichte und ein St\u00fcck Mentalit\u00e4tsgeschichte der Bundesrepublik. Sie gibt Berti Vogts ein wenig von jener Fairness zur\u00fcck, die ihm damals oft verweigert wurde. Und sie zeigt, wie eklig sich manch \u201eIdol\u201c doch verhalten konnte. Au\u00dferordentlich sehenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ARD-Dokumentation \u201eWM 1994 \u2013 Elf Helden, ein Albtraum\u201c hat mich tief ber\u00fchrt. 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