{"id":24009,"date":"2026-04-07T08:41:37","date_gmt":"2026-04-07T06:41:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/?p=24009"},"modified":"2026-04-08T15:15:32","modified_gmt":"2026-04-08T13:15:32","slug":"warum-eine-zentralstelle-fuer-entgrenzungsforschung-sinnvoll-erscheint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.internetsoziologie.at\/de\/2026\/04\/07\/warum-eine-zentralstelle-fuer-entgrenzungsforschung-sinnvoll-erscheint\/","title":{"rendered":"Warum eine Zentralstelle f\u00fcr Entgrenzungsforschung sinnvoll erscheint"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Enforce Tac in N\u00fcrnberg habe ich ein neues Projekt vorgestellt: Die Zentralstelle f\u00fcr Entgrenzungsforschung im Netzwerk Terrorismusforschung (NTF-ZfE). Hier einige Gedanken, warum ich diese Idee f\u00fcr sinnvoll halte:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>\u201eMan schl\u00e4gt die EU mit Waffen, die sie nicht besitzt, indem man Anstandsregeln, Absprachen, Normen verletzt.\u201c Dieser Satz, den Vedran D\u017eihi\u0107 pr\u00e4gnant formuliert hat, beschreibt ein Problem, das in Europa lange untersch\u00e4tzt wurde: Unsere Gesellschaften sind normativ stark, rechtsstaatlich gebunden und moralisch sensibel. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt. Es erzeugt aber zugleich eine gef\u00e4hrliche L\u00fccke, wenn Gegner gerade von der bewussten Verletzung dieser Normen leben. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Extremgewalt zu dokumentieren oder im Nachhinein juristisch zu bewerten. Das geschieht bereits. Die eigentliche L\u00fccke liegt fr\u00fcher: in der mangelnden gedanklichen Vorbereitung auf das Undenkbare. Wer Gewalt, Folter, gezielte T\u00f6tungen, Hinrichtungen, sexualisierte Gewalt oder andere schwerste Normbr\u00fcche sprachlich entsch\u00e4rft oder nur abstrakt behandelt, erschwert Pr\u00e4vention, Schutzplanung und entschlossene Reaktion. Euphemismen erzeugen Sicherheitsl\u00fccken.<\/p>\n<p>Genau hier setzt die Zentralstelle f\u00fcr Entgrenzungsforschung: Extremgewalt, Folter, Tod (NTF-ZfE) an. Ihr Gegenstand ist nicht die Beobachtung von Gewaltanwendung an sich, sondern die n\u00fcchterne, pr\u00e4zise und tabufreie Analyse von Entgrenzung: Wie kippen Normen? Welche T\u00e4terlogiken, Anreizstrukturen, Befehlslagen und Straflosigkeitsregime beg\u00fcnstigen schwerste Verbrechen? Welche Fr\u00fchwarnindikatoren werden im europ\u00e4ischen Denken \u00fcbersehen? Und wie lassen sich diese Erkenntnisse in robuste Pr\u00e4ventions-, Schutz- und Interventionskonzepte \u00fcbersetzen? Daraus ergeben sich konkrete Forschungsans\u00e4tze: die Entwicklung von Klartext-Taxonomien f\u00fcr schwerste Normbr\u00fcche, die Identifikation von Eskalationsmustern in bewaffneten Konflikten, die Analyse von Gewalt gegen Zivilisten als strategischem Instrument, die systematische Untersuchung von Entmenschlichung und Straflosigkeit sowie die Konzeption von Stresstests f\u00fcr Institutionen, die auf Extremgewalt vorbereitet sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Grundidee ist einfach: Was nicht klar gedacht, klar benannt und klar modelliert wird, kann auch nicht wirksam verhindert werden. Entgrenzungsforschung ist deshalb keine Zuspitzung aus Sensationslust, sondern eine notwendige Form realistischer Sicherheitsvorsorge.<\/p>\n<p>Die ZfE hat ihre Arbeit aufgenommen und wird ihre Au\u00dfenwirkung weiter ausbauen, noch in diesem Jahr mit ersten Ergebnissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Enforce Tac in N\u00fcrnberg habe ich ein neues Projekt vorgestellt: Die Zentralstelle f\u00fcr Entgrenzungsforschung im Netzwerk Terrorismusforschung (NTF-ZfE). 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