Jul

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Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen betrachten ihr wissenschaftliches Wirken als Teil einer größeren Mission. Sie sind beispielsweise „Bewegungsforscher“ – aber nicht nur, weil sie soziale Bewegungen aus theoretischer oder methodischer Sicht interessieren, sondern weil sie (in diesen Fällen oftmals sehr weit links stehende) Sozialpolitik machen wollen. Ich halte das nicht nur für falsch, sondern für schädlich.

Wenn mich ein Journalist anruft, geschieht das aufgrund meiner wissenschaftlichen Aktivitäten. Diese Rolle für ein politisches Statement, für eine (partei)politische Positionierung jenseits von Demokratie und Menschenrechten zu mißbrauchen, das halte ich für grundfalsch. Die Menschen nehmen uns, wenn wir als WissenschaftlerInnen sprechen, auch als WissenschaftlerInnen wahr – vor allem dann, wenn die Medienpräsenz entsprechend umfangreich ist. Dann ist man beispielsweise in meinem Falle „der Internetsoziologe“. Diesen Status dann mit einer politischen Botschaft rechter oder linker Couleur zu verbinden, ist meines Erachtens ein absolutes No-Go. ExpertInnen bzw. der ExpertInnenstatus sind in den letzten Jahren ohnehin schon massiv unter Druck geraten. (Stichworte wären hier u.a. Fake News und Lügenpresse.) Dagegen kann man in vielen Fällen als Einzelperson wenig tun, denn die großen Mechanismen sind nicht immer individuell beeinflußbar, geschweige denn kontrollierbar. Aber man muß auch nicht noch Öl ins Feuer gießen. Denn was man individuell immer tun kann, ist: wissenschaftlich bleiben. Wer seine wissenschaftlichen Aussagen mit politischen Ideen vermischt, läuft immer Gefahr, das Wissenschaftliche zu verfälschen. Wer politisch aktiv sein will, muß dies sauber vom wissenschaftlichen Arbeiten trennen – oder besser noch: aktive Politik einfach sein lassen.

Ich persönlich kann und will nur „entweder – oder“. Meine Entscheidung war für die Wissenschaft, d.h. Forschung und Lehre auf dem Boden des Grundgesetzes, eintretend für Demokratie und Menschenrechte im Falle ihrer Gefährdung. Proaktive politische Aktivitäten, die darüber hinausgehen, wurden und werden unterlassen. Daß ich beispielsweise Vorsitzender des Netzwerks Terrorismusforschung bin, ändert daran nichts: auch hier sind wir gemäß Satzung und persönlicher Einstellung pro Demokratie – und gegen alle (!) Extremismen, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung überwinden wollen. Ob wir oder unsere Mitglieder CDU-, SPD-, Grünen- oder andere Parteimitglieder oder -anhängerInnen sind, ist uns egal – solange es demokratisch bleibt. Das ist das Maximum an Politik in der Wissenschaft, das ich vertreten kann. KollegInnen, die jedoch deutlich erkennbar „Politik machen“, dies aber nicht entsprechend vom wissenschaftlichen Arbeiten trennen, dann ich leider nur sehr eingeschränkt ernstnehmen. Politisierung schadet meines Erachtens der Wissenschaft. Und zwar sehr deutlich. Manchmal muß man sich eben für eine Rolle entscheiden, so schwer es auch fallen mag.


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