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Donald Trump: die Rache der von links Belehrten

Ein Beitrag vom 11. November 2016

Schaut man sich die Zahlen an, stellt man fest: ja, es gibt tatsächlich die ungebildeten Trump-Wähler, es gibt auch die Hasswähler und es gibt auch die Clinton-Verächter. Aber es gibt neben all diesen Gruppen mindestens noch eine weitere und sicher nicht gerade kleine Gruppe, ohne die Trump nie den Erfolg gehabt hätte, den er jetzt feiert: nennen wir sie hier mal „die von links Belehrten“. Was das heißt? Ganz einfach: die folgenden Zitate illustrieren mein persönliches medienanalytisches Fazit dieser US-Präsidenten-Wahl, welches den „von links Belehrten“ eine große Relevanz zuspricht …

„Die Ungleichzeitigkeit des sozialen Fortschritts hat ihren Preis. Schwule können in 50 Bundesstaaten heiraten, aber das soziale Überleben der Arbeiter hängt am seidenen Faden. Der Spätkapitalismus nährt überbordende Wut. Weiße Arbeiter erleben die Diskurse der intellektuellen Eliten wie eine Demütigung. Dass die tonangebenden intellektuellen Minderheiten sich über sie lustig machen, sie hinterwäldlerisch finden, bespielt eine Klaviatur von Gefühlen, auf der Trump spielt wie kein zweiter. Die Neue Linke betrachtet die Arbeiterklasse nicht als ihren Verbündeten. Unfassbare Ironie der Zeitgeschichte! Die Absurdität gipfelt darin, dass der um sein soziales Überleben kämpfende weiße Arbeiter sich von Studierenden der Ivy-League-Universitäten seine Privilegien unter die Nase reiben lässt. Das geht nicht gut aus.

(Quelle: Kursbuch)

„Fassungslosigkeit, Entsetzen, bisweilen eine Spur Verachtung für die Wähler Trumps. „White Trash“, so nennt man sie tatsächlich, was wohl heute niemand mehr über rassische Minoritäten in den Vereinigten Staaten zu sagen wagte. Feldenkirchen benannte dabei das Problem der amerikanischen Politik ziemlich genau: Ihre „Unfähigkeit zum Dialog“. Allerdings kam niemand auf die Idee, ob diese Dialogunfähigkeit wirklich nur etwas mit Donald Trump zu tun. Oder nicht doch auch etwas mit der eigenen Arroganz.

(Quelle: FAZ)

„Und für einige Tage wenigstens sollten wir uns Beschämung und auch die Frage nicht ersparen, mit welcher demokratischen Berechtigung wir denn eigentlich glaubten, diese Welt unserer eigenen Werte jenen Mitbürgern auferlegen zu dürfen, die wir im besten Fall nicht ernst nehmen. Und gemeinhin als „white trash“ verachten (obwohl wir natürlich als politisch korrekte Aufklärer solche Worte nie in den Mund – oder unsere schreibenden Hände – nähmen).

(Quelle: Welt)

„So, wie es bei Buddhastatuen Körperhaltungen gibt, die ausdrücken, dass der Erleuchtete gerade etwas lehrt, wird man sich an Barack Obama erinnern als ethischen Erzieher, der mahnt: Bekehrt euch zur Krankenhilfe nach dem Solidarprinzip, zu nachhaltiger Energie als Klimaschutzmaßnahme, zur Achtung der Würde auch von Gefangenen, zur internationalen Politik des Ausgleichs anstelle von Vorherrschaftsarroganz, zu Kosmopolitismus, Antirassismus, Antisexismus, wie ihn die Gebildeten und Toleranten in New York schon lange lieben und leben. (…) Immer eifriger warf sich die Mitte-Links-Crew in die Erziehungs- statt in die langweiligere, an Zahlen und Verfahren orientierte Aufklärungsarbeit. (…) Elitär und salonlinks sollte nach dem Willen der in den armen Bernie Sanders Verliebten jede und jeder sein, die hier skeptisch blieben und lieber hofften, dass Hillary Clinton der Versuchung widerstehen würde, ihre aus Torschlusspanik resultierende technokratische Gerissenheit gegen ein peinliches „Die große Schwester hat euch lieb“-Streichelzoo-Theater auszutauschen, in das sie sich schließlich fallen ließ und das sie zur Niederlage geführt hat.“

(Quelle: FAZ; alle Zitate mit eigenen Betonungen)

Die „Belehrung von links“ fällt mir bei meiner Medienanalyse seit Jahren auf. Es ist ein auch in Deutschland immer wieder vorzufindendes Handlungsmuster, welches jedoch zumindest in der jüngeren Vergangenheit offensichtlich nicht mehr so gut funktionierte (siehe AfD-Erfolge). Wenn die politische Linke wieder erfolgreich sein will, muss sie, so mein Eindruck, zuerst mit der oberlehrerhaften Belehrung der Andersdenkenden aufhören. Da hilft es auch nicht, in vielen Fällen objektiv moralisch/ethisch richtig zu liegen. Solange das Oberlehrerhafte nicht eingestellt wird, dürfen sich beispielsweise Grüne und Linke nicht über ihre Wahlverluste beschweren. Denn es gilt, was Karl Popper sagte: „Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“


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