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(Un)Gleichheit: Auf gar keinen Fall Disharmonie!

Ein Beitrag vom 26. Juli 2015

Ich lese im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit dankenswerterweise sehr viel Gutes, aber manchmal erfreuen einen einzelne Beiträge doch ganz besonders. Dazu gehört diesmal folgendes Interview mit der Kollegin Irmhild Saake in der FAZ:

„Soziologie: Unterschied, was ist das?“

Es geht dabei primär nicht um etwas Digitales, sondern um Ungleichheit. Das jedoch ist ein Thema, welches mir in meiner Arbeit andauernd begegnet und deshalb auch eine entsprechende Relevanz für die Analyse und Bewältigung des Digitalen hat. Da mir das gesamte Interview sehr gut gefällt und ich Ihnen natürlich auch nicht alles hier in allen Einzelheiten kommentiert darstellen möchte (da das sicherlich ein wenig zu aufdringlich wäre), werde ich jetzt nur einige wenige Aspekte herauspicken, um meine Gedanken zum Thema zu illustrieren:

„Es ist für meine Studenten etwa so, dass sie es schon als komisch empfinden, dass sich am Ende einer Diskussion ein gutes Argument durchsetzt.

Weil sie nicht glauben können, dass nur eins richtig sein kann?

Ja, wenn ich es jetzt mal ein wenig übertreiben darf, dann haben sie sozusagen Mitleid mit den ausgeschlossenen Argumenten. Sie fordern Gleichheit auch für Argumente, Anerkennung auch für andere Positionen. Das macht eine klare wissenschaftliche Argumentation schwierig. Man kann nicht mehr so recht sagen, dass man eine wirklich unsinnige Behauptung für Quatsch hält. Es ist eher die Idee da, dass irgendetwas Gutes schon auch in dem Quatsch drin stecken wird.“

Dieses Erlebnis habe ich auch desöfteren, jedoch mindestens genau so oft mit Nicht-Studierenden wie mit Studierenden. Der Gedanke, daß der andere richtig liegt (und man selbst falsch) scheint für viele Menschen sehr schwierig zu sein. Lieber haben wir alle irgendwie auch recht, so mein Eindruck. Das ist natürlich, wie die Kollegin sagt, manchmal schlicht unmöglich, denn mancher Quatsch ist einfach Quatsch – egal, wie man ihn dreht und wendet. Aber wenn wir alle so harmonisch gestimmt sind, bleiben böse Konflikte auf der Strecke. Die Wahrheit allerdings auch. Dies bekräftigt Irmhild Saake wenig später:

„Viele sagen lieber: Das Argument ist nicht so wichtig, ich möchte lieber Akzeptanz und Anerkennung für den anderen zeigen.“

Das ist aber nicht nur eine gefährliche Idee der Menschen, die so vorgehen, sondern auch unnötig. Nur weil der andere mal richtig liegt, bin ich ja kein schlechter Mensch oder muß ich mich für irgendetwas schämen oder gar unterlegen fühlen. Eine gute Diskussion/ein guter Disput hält „Sieg“ und „Niederlage“ problemlos aus – genauer: die jeweiligen Diskutanten können (und sollten) dies aushalten. Wenn ich mich mit Kolleginnen und Kollegen im besten Sinne gestritten habe, waren die Auseinandersetzungen die besten, aus denen sie genauso wie ich jeweils gleich gut als Sieger bzw. Verlierer herausgehen konnten, wohl wissend, daß die Argumente (des anderen) diesmal die besseren waren und man einfach eine faire Auseinandersetzung hatte. Wer beim Fußball 5:1 gewinnt, muß sich nachher ja auch nicht künstlich klein machen. Ein fairer Sieger, der gern auch seinen Sieg benennen kann, ist schon entgegenkommend genug.

„Wir erleben verschiedene Perspektiven, wollen das aber nicht, wollen das heilen, in dem wir so tun, als seien wir gleich. Mit Sprache und durch Hineinversetzen. Das Komische ist, dass wir einfach nicht auf die Idee kommen, dass die Situation eine ungleiche, asymmetrische ist. Der Vater ist etwas anders als das Kind, eine andere Person, er hat aber auch einen anderen Status. Diese Ungleichheit ist eigentlich eine Ressource, man könnte sie benutzen in einem Konflikt. Aber wir wollen sie nicht nutzen, ganz explizit nicht. Denn sie erscheint uns hässlich.“

Ungleichheit ist in einer so homogenen Gesellschaft wie der deutschen oft „hässlich“, das stimmt. Man sieht weniger die Vorteile, die sich einem bieten (z.B. aus der verlorenen Debatte neue Erkenntnisse zu ziehen und daran zu wachsen) als vielmehr die Nachteile: Sieger und Verlierer, „Gut“ und „Böse“, „besser“ und „schlechter“. Solche Gefälle stören die Harmonie. Dabei ist der Gewinn für einen selbst (auch und gerade im Falle der „Niederlage“) definitiv höher als unreflektierte Gleichmacherei. Das gilt auch in Beziehungen:

„Es ist doch erwartbar so, dass die Frau mehrere Monate ausfällt im Beruf, weil sie das Kind bekommt. Aber in vielen Beziehungen wird richtig Buch geführt. Da muss man sich erklären und sagen: Du verdienst in dieser Zeit kein Geld. Ich bezahl jetzt mehr. Wenn ich dann mal nicht so viel habe, kannst Du wieder mehr bezahlen. Da fragt man sich: Wofür ist denn die Idee von einer Partnerschaft eigentlich gemacht? Kann sie diese Asymmetrie nicht mehr aushalten?“

Wenn der Wunsch nach Gleichheit in unreflektierter Gleichmacherei ausartet, bleiben viele (bessere und wichtigere) Dinge auf der Strecke. Deshalb mein Tipp: das Interview in Gänze lesen und lieber einmal zuviel als zuwenig darüber nachdenken, ob sich Ungleichheit nicht doch manchmal mehr lohnt – auch für einen selbst – als der Wunsch, alles gleich zu machen und damit willkommene Effekte der Ungleichheit „wegzubügeln“.

Was das nun im Übrigen konkret mit Digitalisierung zu tun hat? Nun, mir fiel zuerst die Architektur des Shitstorms ein. Aber das dürfte freilich nicht der einzige Bezugspunkt sein, wenngleich doch sicher einer der wichtigsten. Das Thema hat zweifellos Potential.


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