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In Mainz wohnte ich vor einigen Tagen erstmals einem Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung (NTF) bei und präsentierte bei dieser Gelegenheit auch gleich einen Vortrag mit dem übergeordneten Thema „Digitale Kultur und Terrorismus: Wie prägt der Terror die digitale Welt – und umgekehrt“, der direkt zur Mitarbeit einlud. Dank der umfangreichen Mitwirkung der Anwesenden kam hier ein sehr ergiebiges Brainstorming zustande, welches für sehr viele digitale Sicherheitsfragen spannende Grundlagen liefern könnte. Zudem sind diese Grundlagen eben nicht einem bestimmten Teilbereich (z.B. Rechts-/Linksterrorismus, terroristischer Islamismus) zuzuordnen, sondern orientieren sich an der Grundidee, daß die Digitalisierung neue „Spielregeln“ mitbringt und somit viele neue Methoden erfordert, weil ein Übertrag von nichtdigitalen Methoden (hier: sozialer Art) in sehr vielen Fällen nicht ohne weiteres möglich ist.

Auch über zehn Jahre nach 9/11 drehte sich vieles in den Vorträgen und Gesprächen um Islamismus im Allgemeinen und Salafismus im Besonderen. Symbolisiert wurde dies durch die häufige Nennung von Pierre Vogel, welcher sicherlich gleichermaßen behördliche wie wissenschaftliche Aufmerksamkeit genießt. Und da der Vortrag über Gudrun Ensslin leider ausfiel und niemand etwas über Beate Zschäpe sagen wollte, blieb es ein Workshop mit deutlicher Männerdominanz.

Es bleibt abzuwarten, ob sich die Themen aufgrund der rechtsterroristischen Aktivitäten in Deutschland oder des Engagements von Bundesministerin Kristina Schröder gegen Linksextremismus etwas verlagern werden. Daß die Digitalisierung aber in allen Bereichen eine zunehmend größere Rolle spielt, wurde auch ganz ohne die üblichen Videos von Vogel und Co. deutlich. Terrorismus und Extremismus im digitalen Raum sind mehr als nur Predigten, Bekennervideos oder Anschlagsdokumentationen. Es geht um soziale Strategien, zum Beispiel um das Herstellen eines Zusammengehörigkeitsgefühls mittels digitaler Technik, was zur Analyse von Einzeltäterradikalisierungen beitragen könnte. Dafür bedarf es aber vor allem brauchbarer Grundannahmen und sozio-technischer Grundlagenforschung, denn solange das Internet von vielen Behördenvertretern immer noch als eine Art „interaktiver Fernseher“ und nicht als medienhistorische Revolution angesehen wird, werden viel Zeit und Energie unnötig verschwendet. Der Mainzer Workshop hat dank der engagierten Beitragsleistungen der Beteiligten gezeigt, daß es auch anders (und damit besser) geht.


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