Okt

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Helmut Krcmar präsentierte den gestrigen Business-Models-Workshop nicht nur auf äußerst professionelle Art und Weise, sondern er war auch inhaltlich progressiv und stellte die sozialen Implikationen von Business Models jenseits der juristischen Fragen und Herausforderungen zur Diskussion. Dies geschieht meiner Erfahrung nach höchst selten, denn in der Regel bleibt man diesbezüglich bei den üblichen Topics: Datenschutz/Privacy (sprich: rechtswissenschaftliche Perspektive), vielleicht noch Usability (!), ggf. garniert mit politischen Fragestellungen oder Methodenfragen aus der empirischen Sozialforschung (“Umfragen”) – und greift damit viel zu kurz.

Dabei wird bei zahlreichen Gelegenheiten immer wieder deutlich, daß gesellschaftliche Implikationen digitaler Entwicklungen viel umfassender bzw. weitreichender sind und entsprechende ganzheitliche Berücksichtigung verdienen: wenn wir mit rechtlichen Regelungen bedingt durch die Supranationalität von vernetzter Digitalisierung nicht (schnell genug) weiterkommen, jedoch in gesellschaftlich relevanten Feldern (z.B. bei sozialen Netzwerken) keine Handlungslücke entstehen lassen wollen, brauchen wir andere Handlungsoptionen jenseits des Rechts. Dasselbe gilt für digitale Phänomene, die durch technische Regelungen gerade nicht geregelt werden können (Stichwort “digitaler Radiergummi”). Auch hier bleiben zahlreiche soziale Optionen jenseits unsinniger Placebo-Versprechen.

Die erste Frage dürfte deshalb stets sein: welche (sozialen) Optionen sind identifizierbar und mit welchen Methoden eröffnen wir hier vielversprechende Handlungsspielräume für die Betroffenen? Bezogen auf den Business-Models-Workshop bedeutet dies: eine umfassende Analyse potentieller gesellschaftlicher Implikationen gehört von Beginn an dazu, schon allein aus Akzeptanz-, Effizienz- und Kostengründen – damit man nicht nachher reparieren muß, was man vorher versäumt hat. Die Sozialwissenschaften bieten hier inzwischen einen reichhaltigen Wissensfundus, von dem entsprechend profitiert werden kann. Selbstverständlich sind viele Implikationen im Vorfeld nicht absehbar, aber das ist ja nicht nur ein soziologisches bzw. psychologisches, sondern ein grundsätzliches (und damit auch ein juristisches und technisches) Phänomen und spricht keineswegs gegen die grundsätzlichen Überlegungen. Denn was bereits getan werden kann, sollte auch getan werden.

Daß dies in der Regel nur für entsprechend große Projekte gilt und bei kleinen (Startup-)Ideen kaum Anwendung finden kann (vor allem aus Kosten- und Konzeptgründen), liegt in der Natur der Dinge. Es ist allerdings äußerst löblich, daß z.B. umfangreiche BMBF-Verbundprojekte stets eine sozialwissenschaftliche Begleitforschung beinhalten (müssen), die inhaltlich auch viel Spielraum hat. “Sociality by design” ist also möglich – man muß es (auf beiden Seiten) nur wollen. Denn so wie Datenschutz und Business für Ann Cavoukian kein Gegensatz sein müssen, so müssen meiner Meinung nach auch Soziales und Business kein Gegensatz sein.

Professoren wie Helmut Krcmar beweisen, daß transdisziplinäre Open-Mindedness nicht an den Grenzen des Computerchips oder am Buchdeckel des Gesetzbuches enden muß. Ich freue mich deshalb sehr auf weitere Workshops und Sitzungen zu diesem Thema im neuen Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft.


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